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„Die Gäste kommen wegen dem Gesamterlebnis - und nicht wegen der hohen Transportkapazität der neuesten Verbindung. “, betont Domenico Bergamin im SI-Interview.

Interview

,,Inszenierung bringt Schwung in das Geschäft am Berg!

Für Domenico Bergamin, Leiter Tourismusprojekte bei der Kreativagentur STEINER SARNEN SCHWEIZ, gibt es viele ungenutzte Chancen, Skigebiete attraktiv zu inszenieren und damit neue Kunden auf den Berg zu locken.

 

Mit 100 realisierten Projekten für alpine Tourismusdestinationen, darunter rund 50 Bergbahnen, zählt die Kreativagentur STEINER SARNEN SCHWEIZ zu den führenden Gestaltern und Gebietsentwicklern im alpinen Tourismus. Die Agentur bietet nun auch die Finanzierung anspruchsvoller Projekte an, wie der Leiter für Tourismusprojekte, Domenico Bergamin, im SI-Interview berichtet.

 

SI: Herr Bergamin, Sie helfen Skigebieten mit kreativen und unkonventionellen Lösungen aus wirtschaftlichen und strategischen Sackgassen. Wo haben die Bergbahnen Verbesserungspotential?

Das Ziel des Heidi Alperlebnis am Flumserberg ist es, ein neues Reisemotiv zu schaffen, das ganzjährig und witterungsunabhängig neue Gäste anzieht.

Bergamin: Die Bedürfnisse der Gäste haben sich in den letzten Jahren verändert, sie sind anspruchsvoller geworden. Die „klassischen“ Skifahrer werden weniger und die Zahlungsbereitschaft sinkt. Die Menschen wollen nicht mehr nur auf den Berg transportiert werden. Sie wollen die Besonderheiten eines Ortes, Spezielles und Überraschendes erleben.

 

Bergbahnunternehmen müssen sich fragen, ob sie anstatt in neue Anlagen in Besuchererlebnisse investieren wollen. Auch bezüglich der Aufenthaltsqualität gibt es viel Verbesserungspotential. Wer steht schon gerne in kalten Hallen und wartet, bis er oder sie in die Gondel gepfercht wird?

 

Die Aussicht reicht dann gerade noch bis zur Skijacke des Vordermanns und von hinten drückt der Ski der Nachbarin in den Rücken.Also müssen Skigebiete ihre Bahnen und Gebäude wärmer und einladender gestalteten?

Schneesportler bezahlen verhältnismäßig viel für die Ausübung ihres Hobbys. Dass das Leergut des Bergrestaurants nicht vor dem Eingang steht und die Skifahrer nicht über eine wacklige Gittertreppe zur Gondel müssen, hat auch mit einer gewissen Wertschätzung gegenüber den Gästen zu tun. Wir durften zum Beispiel die Stationen der Standseilbahn St. Moritz - Chantarella - Corviglia und Piz Nair neu gestalten.

 

Statt austauschbarem, kaltem und technischem Ambiente schufen wir eine warme Atmosphäre. Die Gestaltung übernimmt Motive der Olympischen Winterspiele 1928 und 1948, sowie der Ski-WM 1974, 2003 und 2017, welche in St. Moritz ausgetragen wurden. Trotzdem wird solch ein Facelift meist nicht ausreichen, um langfristig erfolgreich zu sein.

 

Deswegen kommen keine neuen Gäste, nein. Es geht darum, ein stimmiges Gesamterlebnis zu schaffen. Um mehr Gäste zu erreichen oder höhere Preise durchsetzen zu können, müssen Destinationen emotionale Erlebnisse über das Skifahren hinaus vermitteln.

Die Panoramagalerie am Pilatus verstärkt das Besuchererlebnis. Fotos: STEINER SARNEN SCHWEIZ

Überraschend, individuell und authentisch. Bei der Entwicklung des Großprojekts Heidi Alperlebnis auf dem Flumserberg zielen wir in diese Richtung. In einem Ensemble von Gebäuden sollen die unterschiedlichsten Szenen der Heidi-Geschichte räumlich umgesetzt werden. Ein Erlebnis, das losgelöst vom Skifahren funktioniert und die Region in einen saisonunabhängigen Ganzjahrestourismus überführen soll.

 

Denn als mittelgroßes, mittel-hoch gelegenes Skigebiet würde der Flumserberg ohne neue Zielgruppen einer unsicheren Zukunft entgegensehen. Wie schafft man solch „hochemotionale Erlebnisse“? Indem einzigartige, zum Ort oder zum Produkt passende Lösungen gefunden werden. Jedes Skigebiet muss sich deutlich positionieren, um in der Masse nicht unterzugehen.

 

Deswegen liefern wir von STEINER SARNEN SCHWEIZ keine Ideen und Konzepte von der Stange, sondern entwickeln sie individuell und in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Der Kontakt während eines Projektes ist eng, häufig und persönlich.

Von welchen Zeiträumen und Größendimensionen sprechen wir? Die für uns wichtige Visionsphase dauert je nach Projektgröße zwischen drei und sechs Monate. Darin erörtern wir die Bedürfnisse und Ziele der Kunden, definieren die Positionierung und entwickeln verschiedene Ideen in die Breite. Mit unseren Kunden bestimmen wir nach und nach, welche Idee am meisten Potential hat.

 

Die Vorschläge reichen dabei von klein und fein bis zu horizonterweiternden Entwicklungen. Manchmal genügt es bereits, das Bestehende zu verbessern und deutlicher hervorzuheben. Manchmal führt aber kein Weg an einer größeren Investition vorbei. Ideen, Visionen und Konzepte – alles schön und gut. Aber scheitern nicht viele Projekte gerade an der Finanzierung?

 

Vielfach ist es ein Richtungsentscheid der Bergbahnen: Braucht es diese Verbindung? Lohnt sich jener Ersatz? Oder sollte das Geld nicht so investiert werden, dass mehr Gäste die bestehenden Infrastrukturen nutzen? Aber natürlich, die Finanzierung ist immer das bestimmende Thema und manchmal werden gute Ideen deshalb nicht umgesetzt.

 

Wir haben deshalb vor Kurzem zusammen mit H+H Management eine neue Firma gegründet, welche unsere Kunden bei der Projektfinanzierung unterstützt. Die Dienstleistungen reichen von der Beratung und Unterstützung bei der Suche nach öffentlichen und privaten Förder- bzw. Investitionsgeldern, bis zur aktiven Mittelbeschaffung.

Falls die Finanzierung steht, wie gehen Sie weiter vor? Wir entwickeln Projekte in mehreren Phasen: Vision, Konzeption und Machbarkeit, Planung sowie Realisation. Jede Phase wird separat offeriert und in Auftrag gegeben. Da es sich bei unseren Projekten häufig um Prototypen handelt und Kinderkrankheiten unvermeidlich sind, begleiten wir unsere Kunden auch nach der Umsetzung so lange weiter, bis alles reibungslos funktioniert.

 

Was passiert, wenn Unternehmen Ideen selber umsetzen wollen? Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass wir zumindest begleitend bis zur Realisation dabei sein sollten. Nur so können wir sicherstellen, dass unsere Ideen auch enstprechend umgesetzt werden können. Wie erwähnt, können unsere Kunden jede Phase einzeln beauftragen.

 

So haben wir für den Pilatus eine Vision ausgearbeitet. Aus unseren Ideen haben die Verantwortlichen eine neuartige Panoramagondel konstruieren lassen sowie eine überdachte Verbindung zwischen Bergstation und Restaurant geschaffen. Es entstand eine Galerie, welche den Gästen einen wettergeschützten Ausblick auf die eindrückliche Bergwelt ermöglicht und neue Nutzflächen für Veranstaltungen bietet.

Der Schriftzug am Ploseberg (oben) und der „Adlerweg“ in Tirol sind Beispiele für sanfte Inszenierung. Fotos: Brixen Tourismus Genossenschaft, Helmut Moling (oben), Achensee Tourismus (unten)

Sind für erfolgreiche Inszenierungen immer solch große Baumaßnahmen notwendig? Nein. Auf der Plose im Südtirol haben wir beispielsweise das vorhandene Highlight – den Ausblick auf die Dolomiten – hervorgehoben: Wir bauten den Schriftzug „Plose“ als übergrosse Installation bei der Bergstation. Das „O“ ist das Schaufenster, in welchem die imposante Bergkette ausgestellt ist. Wir lenken den Blick der Besucher.

 

Eine selbstentwickelte Konstruktion erlaubt den Gästen, im „O“ mit dem Bike einen Looping zu fahren. An vielen Orten muss man das Vorhandene einfach besser zugänglich machen, hervorheben und subtil inszenieren. Können Sie für diese sanfte Inszenierung ein Beispiel nennen? Entlang des ‚Adlerwegs“ im Tirol führte eine Abzweigung zu einem Wasserfall. Ein wunderschöner Ort, um Rast zu machen und die Natur zu genießen.

 

Viele Wanderer schreckten aber vor der steilen Abzweigung und dem Wegweiser „Wasserfall 15 Minuten“ ab. Wir haben schließlich den Weg weit vorher leicht ansteigen lassen, damit der Rundweg automatisch am Wasserfall vorbei geht. Die Wanderer merken nichts vom Eingriff. Werden aber automatisch zu einem der Highlights geleitet und der Weg als Ganzes gewinnt an Attraktivität. Auch das ist Inszenierung. Das Interview führte Thomas Surrer (ts)