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Die ,,Mörli-Lösung"

Strategien eines kleinen Skigebiets

Genau vor zwanzig Jahren stand das kleine Skigebiet Mörlialp in der Zentralschweiz vor dem Aus. Der Zusammenschluss mit Schönbüel und Sörenberg zur Destination Brünig-West scheiterte, die damaligen Betreiber sahen keine Chance mehr.

 

Der damalige Verwaltungsrat Giswil bat André Strasser, Marketingleiter des regional ansässigen Kunststoffverarbeiters SARNA PLASTEC, um eine Einschätzung der Situation. Dieser sah eine Zukunft – und wurde prompt zum neuen Verwaltungsratspräsident gewählt.

 

„Wir haben neue Aktionäre an Bord geholt, über 500 vorwiegend einheimische Unternehmer und Privatpersonen, um den Investitionsstau zu bewältigen“, berichtet Strasser.

 

Verschuldet war die Skilifte Mörlialp AG zwar nicht, doch der Investitionsdruck war groß. „Die Mörlialp ist eine emotionale Geschichte für die ganze Region. Ich selbst wollte das Skigebiet für meine und andere Kinder erhalten, wo sie wohnortnah, günstig und sicher Skifahren lernen können“, so Strasser. Um das Skigebiet zukunftssicher zu machen setzten und setzen die Verantwortlichen stets auf die „Mörli-Lösung“!

,,Gebrauchte Lifte, fremde Zutrittssysteme und kreative Kooperationen – das sind klassische Mörli-Lösungen!„ 

 

André Strasser, Verwaltungsratspräsident des Skigebiets Giswil- Mörlialp

Gebrauchter Skilift und private Haftung

„Mit der Mörli-Lösung sind Strategien gemeint, mit denen wir günstig und unkonventionell Investitionen tätigen können. Das bedeutet neue Wege zu gehen und sich viel umzuhören“, sagt Strasser. Bestes Beispiel dafür ist sicherlich der Ersatz des zentralen Schlepplifts durch eine gebrauchte Sesselbahn im Jahr 2000.

 

Die Weisse Arena AG in Laax trat den sieben Jahre alten, fixgeklemmten 3er-Sessellift günstig an die Mörlialp ab, da sie selbst eine moderne 8er-Gondelbahn errichtete. „Trotzdem mussten wir einige Teile neu zukaufen, damit die Firma VON ROTZ & WIEDEMAR die Anlage bei uns montieren konnte“, betont Strasser.

 

Da bei den Vorbereitungsarbeiten noch keine Bewilligung vorlag, übernahm der Verwaltungsrat große persönliche Bürgschaften und Risiken. „1.3 Millionen Franken betrug die Investition, wir hatten wirklich Glück“, so der Verwaltungsratspräsident. Denn Prüfungen und Nachweise können bei wiederverwerteten Seilbahnanlagen schnell teuer und zeitaufwändig werden.

Fremdes Zutrittssystem übernommen

Zwanzig Jahre später hat sich an der „Mörli-Lösung“ nichts geändert. Zur neuen Saison 2019/2020 wurde ein Zutrittssystem von AXESS installiert – top aktuell und kaum gebraucht. „Das Skigebiet Titlis hat uns das System abgegeben, da es in der Form nicht genau zu ihnen passte“, erläutert Strasser.

 

Wie bei der Weisse Arena AG in Laax vor zwanzig Jahren, war auch hier die gute Partnerschaft ein wesentlicher Erfolgsfaktor. „Wir sind ein Brütergebiet für die großen Destinationen. Hier lernen ihre künftigen Gäste Skifahren, das wissen sie“, ist der Verwaltungsratspräsident überzeugt.

Rodelstrecke

Präsentationsfläche für PRINOTH;

Präsentationsfläche für PRINOTH

Auf ähnliche Weise konnte die Mörlialp in den vergangenen zwanzig Jahren zahlreiche Investitionen umsetzen, etwa Beschneiungsanlagen, Flutlicht, Rodelwege, Schlepplifte, Kinderland, Eislauffläche oder Gastronomie. Besonders kreativ zeigten sich die Verantwortlichen bei der Pistenpflege.

 

„Unser Gastronomie-Partner Walter Kiser ist ein Fahrzeugfan, der einen außergewöhlichen Deal mit PRINOTH eingefädelt hat“, freut sich Strasser. Der Pistenraupenhersteller darf die Mörlialp als Präsentationsfläche und Schulungsort nutzen, dafür stehen dem Team von Kiser stets zwei nagelneue Maschinen zur Verfügung. „So kann Walter Kiser für uns kostengünstig die Pistenpflege übernehmen!“

Wanderwege

Wiederaufgebauter Sessellift und Ferienwohnungen

Nicht Profit sondern Leidenschaft

Trotz solcher Vereinbarungen ist der Betrieb der Mörlialp eine permanente finanzielle Gratwanderung. „Fast alle Kredite sind abbezahlt, der Cashflow ist gesichert, sämtliche Löhne und Lieferanten werden fristgerecht bezahlt. Doch Schnee- und Wetterlage verursachen monetär ein ständiges Auf und Ab“, führt Strasser aus.

 

In der Wintersaison sind ein Betriebsleiter, sowie 15 technische Bedienstete angestellt. Hinzu kommt eine Buchhalterin, mehr Ehrenamt als Arbeitsstelle. Alle anderen, insbesondere die sieben Verwaltungsratsräte, arbeiten für die Leidenschaft. Allein André Strasser hat – bei gering angesetzten Lohn – Arbeitsstunden im Wert von mehr als 200.000 Franken in die Mörlialp gesteckt.

 

Groß ist auch die Unterstützung in der einheimischen Bevölkerung, so wurde ein bedeutendes finanzielles Engagement der Gemeinde Giswil von den Stimmbürgern an der Urne mit über 80 Prozent angenommen.

Snowbike-Angebot

Eislauffläche mit Flutlicht. Fotos: Mörlialp

Zielgruppe: Familien & Gruppen

Und die kollektive Leistung kann sich sehen lassen. Aktuell bietet die Mörlialp 14 Kilometer Pisten, eine Sesselbahn, drei Schlepplifte, einen Tellerlift und ein Kinderland. Zwanzig Schneilanzen, fünf Propellermaschinen und ein 10.000 m³ großer Speicherteich gewährleisten Schneesicherheit – und eine Flutlichtanlage Skifahren bei Nacht.

 

Schneeschuh- und Winterwanderwege, Rodelstrecke, Eislauffläche, Skischule, Skiverleih, sowie drei Gastronomiebetriebe komplettieren das breite Angebot der Mörlialp. „Wir positionieren uns als überraschend attraktiv und besonders günstig. Wir haben fast alles, was große Skigebiete auch haben“, wirbt Strasser.

 

Sogar besonders breite Carving-Zonen und ein Snowbike-Verleih nennt die Mörlialp ihr eigen. Hinzu kommen Übernachtungsmöglichkeiten, wie Ferienwohnungen und Gästelager. „Unser Publikum sind ganz klar Familien und Gruppen, die günstig einen Wintersporttag oder -urlaub erleben wollen“, so der Verwaltungsratspräsident.

 

In Zukunft will die Skilifte Mörlialp AG vor allem den Winterbetrieb weiter sichern. So ist eine finanzielle Trägerschaft in Vorbereitung. Zudem soll sich die Mörlialp zur Sommerdestination entwickeln – bereits jetzt hat im Sommer ein Gasthaus an der Passstraße geöffnet. Es wird wieder Zeit für eine Mörli-Lösung! ts