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Gegentrend zum Overtourism: Der Wunsch nach Hideaways und Offline-Inseln nimmt zu. Foto: Ski amadé

Die „BIG THREE“ und ihre Folgen: Trends und Facts im Tourismus

Overtourism, digitales Leadership und ältere Zielgruppen - der langjährige CEO von Schweiz Tourismus, Jürg Schmid, über Trends im Tourismus.

Drei große Ströme prägen die Urlaubswirtschaft: Sand & Sonne, City Trips und Touring. Davon ist Jürg Schmid überzeugt.

 

Der langjährige CEO von Schweiz Tourismus sprach bei der Präsentation der Studie Best Ski Resorts über drei wichtige Entwicklungen im Tourismus – mit spannenden Aussagen.

 

Zunächst sieht Schmid im extrem hohen Wachstum der Urlaubswirtschaft die Gefahr des Overtourism gegeben – eine Chance für den alpinen Bereich.

 

„Bis 2030 wird der globale Tourismus um 50 Prozent steigen, womit auch der Gegentrend zu mehr Authentizität, Natur, Regionalität und Fairness stärker werden wird.“

Er erwartet eine Renaissance der Romantik, der Wunsch der Gäste nach Selbstentdeckung, sowie die Sehnsucht nach Hideaways, also „Offline-Inseln“, die frei von Zeitdruck und digitalen Eindrücken sind.

„Wer in der Gegenwart nichts Spannendes erlebt, der hat später ein langweiliges Leben“, erklärt Schmid die Motivlage der Gäste in der Zukunft. Foto: SI/Surrer

1. Erlebnisökonomie & Peak-End Regel

„Noch überschätzen wir die Happiness von Dingen und unterschätzen die Happiness von Erlebnissen“, betont der Geschäftsführer der Schmid Pelli & Partner AG.

 

Doch Erlebnisse sind der Luxus der Zukunft. „Wer in der Gegenwart nichts Spannendes erlebt, der hat später ein langweiliges Leben“, erklärt Schmid die Beweggründe der Erlebninsökonomie im Tourismus – die erste große Entwicklung der Big-Three-Trends.

 

Skigebiete müssen Erlebnisse schaffen, welche die Erwartungen der Gäste übertreffen. Schmid zitierte hier den Nobelpreisträger Daniel Kahneman, dem Erfinder der Peak-End Regel: „In einer Urlaubsreise erinnert man sich nur an den Höhepunkt bzw. Tiefpunkt der Reise – dem Peak, den intensivsten Moment – und an deren Ende. Alles andere fließt kaum in die Erinnerung ein.“

2. Digitales Erlebnis-Leadership

Ein weiterer Faktor für den künftigen Destinationserfolg ist das digitale Erlebnis- Leadership. „Wer das Erlebnis besetzt, beherrscht das Ranking der Suchmaschinen und kann höhere Kommissionen fordern. Denn nirgends ist es so einsam, wie auf Seite 2 von Google“, so der Tourismusexperte.

 

AirBnB, TripAdvisor und Co. würden ihre Leadposition bereits durch Vorwärtsintegration von Services verstärken. Auf die Reservation folge das Erlebnis (Aktivitäten). Vor allem Museen, Skischulen und City Guides seien deswegen gefordert, höher gerankt zu werden oder sich selbst zu vermarkten.

 

Schmid betont hier die Disruption des Tourismus durch Bewertungsportale. Die Ratings würden bald alle Dimensionen des Tourismus erfassen und die Dominanz weniger globaler Portale beschleunigen.

 

„95 Prozent der Gäste lesen Kundenbewertungen. Sie glauben anderen Gästen mehr als Experten, der Hirsch hat jetzt das Gewehr!“, beschreibt der Experte bildhaft die zweite Entwicklung der Big Three.

 

Die Zukunft des Destinantionsmarketings sieht Schmid daher in Experiential Marketing, digitales Storytelling und Content Leadership. „Gäste kreieren den Brand. Ein Brand ist die Summe der Gäste-Stories!“

Skifahrer über 60 Jahre bilden eine Zielgruppe mit Zukunftspotential. Foto: Ski amadé

3. Der Schnee bleibt, der Winter wird anders

Öfter, kürzer, kurzfristiger – die Kurzreise werde die klassischen Urlaubsferien bald auch im Winter ablösen.

 

Im Sommer sei dies bereits der Fall. „Die Wetterabhängigkeit nimmt in der Folge weiter zu, das Klima verkürzt die Saison“, sagt Schmid.

 

Ein weiterer Trend: Nicht mehr alles fährt Ski. „Die Jungen wollen nicht mehr. Die Alten tuns‘ nicht mehr.

 

Es gibt zwar nicht weniger Skifahrer, aber sie tuns‘ weniger oft“, erklärt der Experte.

 

Die Jungen hätten viele Alternativen, die Alten würden zwar gerne Skifahren, haben aber Angst um ihre Gesundheit.

 

Nur fünf Prozent der über 65-Jährigen übt den Skisport noch aus. Sie fühlen sich auf der Piste unsicher und steigen aus dem Schneesport aus. Frauen früher als Männer.

„Hier wären vielleicht Slow Slopes eine Lösung, um ihnen die Furcht vor überfüllten Pisten und Rasern zu nehmen“, erläutert Schmid.

 

Technischer Schnee helfe dem alpinen Tourismus übrigens nur begrenzt. „Winter lässt sich nur teilweise technisch ersetzen. Die Sehnsucht nach Winterromantik wird aber nicht erfüllt, wenn das Dorf und die umliegenden Berge grün sind“, erklärt der langjährige CEO von Schweiz Tourismus.

 

„Schnee kann aber versichert werden, ein gutes Beispiel sind die Zegg-Hotels in Samnaun,“ wagt Schmid einen Exkurs. Zudem sei „schnelles Glück“ ein Wachstumsmarkt. Also kurze Aktivitäten, die rasch positive Gefühle im Schnee auslösen.

 

Der Experte nennt hier das Snowtubing in Leysin-Les-Mosses als gutes Beispiel.

Vier Thesen zur Zukunft

1. Alpiner Tourismus hat Zukunft

 

Der alpine Tourismus, im Winter und erst recht im Sommer darf zuversichtlich in die Zukunft sehen – so das Fazit von Schmid. „Er muss aber mit aller Vehemenz seine Authentizität, seine regionalität und seine Biodiversität bewahren.“

 

2. Erlebnisentwicklung ist Kernaufgabe des Destinationen-Marketings

 

Die Erlebnis- und Produktentwicklung braucht zwingend lokale Kompetenzen und Vernetzung – davon ist der Tourismusexperte überzeugt: „Die Entwicklung und Gestaltung des Gästeerlebnisses muss die Hauptaufgabe der lokalen Tourismusorganisation sein.“

 

3. Ohne Content-Leadership keine digitale Zukunft des Destinationen-Marketings

 

Technisch und werbemäßig sind die globalen Tourismusportale überlegen – bekräftigt Schmid: „Der Gap nimmt zu. Wer den Tiefencontent nicht dominiert, wird durch die globalen Reiseportale in seiner Digital-Marketingaufgabe ersetzt.“

 

4. Die Alten halten bringt mehr

 

„Gelingt es uns, die älteren Schneesportler zwei Jahre länger zu halten, kreieren wir mehr Skidays, als aus asiatischen Märkten mittelfristig zu holen ist“, postuliert der Fachmann. Er empfiehlt den Fokus auf Genusspisten, gehobener Gastronomie und stillvoller Unterhaltung am Berg. ts