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Das Gesicht hinter dem Forum Zukunft Skisport: Skitourismusforscher Günther Aigner positioniert Skigebiete als schneesicher. Foto: Michelle-Hirnsperger

Günther Aigner:

Der Schneehistoriker

 

"Mich ärgert die mediale Schwarzmalerei. In den vergangenen 100 Jahren sind die Schneemengen ohne statistische Veränderung. Die Wintertemperaturen auf den Bergen sind seit über 30 Jahren in einem Abkühlungstrend. Fakten würden helfen, die emotionale Debatte zu versachlichen!"

Im Schneefeld:  Günther Aigner misst die Schneehöhe in Obertauern, dem schneereichsten Skigebiet Österreichs. Foto: Günther Standl

„Habt ihr die Lifte schon abgebaut?“

Mit dieser Frage begann das Hadern von Günther Aigner mit der veröffentlichten Meinung. 2010 war das, in Kitzbühel. Dort war der Tiroler für das Wintermarketing der Gamsstadt zuständig – und sah sich mit einer medialen Stimmung konfrontiert, die das baldige Ende des Skisports durch den Klimawandel propagierte.

 

„Ich wollte selbst wissen, ob wir in Kitzbühel bald keinen Schnee mehr haben und wertete die Schneeberichte der vergangenen Jahrzehne aus. Das Ergebnis: Die Schneemenge blieb gleich“, berichtet der 42-Jährige.

 

Auch die Wintertemperaturen hätten sich über die vergangenen 50 Jahre nicht signifikant verändert. Anfangs ging Aigner noch von fehlerhaften Daten aus. Doch schon bald merkte er, dass sich die öffentliche Meinung tatsächlich von den Fakten losgelöst hat.

 

„Der Klimawandel ist unbestritten. Die Sommer werden deutlich wärmer, die Gletscher schmelzen. Die Winter in den Bergen sind bis dato aber nicht schneeärmer geworden“, so der Schneehistoriker. Zudem würden die Winter auch nicht später beginnen oder sich nach hinten verschieben, vielmehr gehe der Klimawandel auf Kosten der Sommermonate. „Die Schneeparameter in den Skiorten haben nicht signifikant abgenommen“, sagt Aigner.

Positionierung von Skigebieten

Seine Aussagen kann der Tiroler durch zahlreiche Schnee- und Temperaturstudien untermauern, die er seit 2014 hauptberuflich unter anderem für Kitzbühel, Lech-Zürs, Zell am See, Obergurgl, Sölden und Obertauern durchgeführt hat. Zudem positionierte er die Region Pillerseetal als „schneereichste Tourismusregion Tirols“ und Obertauern als Wintersportort mit den größten Schneehöhen Österreichs („Wir sind Schnee“).

 

Der diplomierte Sport- und Wirtschaftswissenschaftler erhebt auch Niederschlagsdaten und Längenmessungen für den Hydrographischen Dienst Salzburg am Stubacher Sonnblickkees. „An der Klimadebatte kritisiere ich vor allem die missbräuchliche Verwendung von Klimaszenarien, die nicht dazu geeignet sind, den Schnee in den Alpen bis zum Jahr 2030 vorherzusagen.“ Viele Menschen würden sich in die Diskussion um Schneesicherheit einmischen, obwohl ihnen das Wissen im Detail fehlt. „Die Bevölkerung ist dadurch erstaunlich desinformiert“, betont Aigner.

Der Schnee wird weniger – aber die Geschwindigkeit der Abnahme der Schneehöhen wird laut Aigner manche Leser überraschen. Am Beispiel Kirchberg sieht man eine Abnahme der jährlich größten Schneehöhen um  vier Zentimer pro Jahrhundert. Grafik: Forum Zukunft Skisport

Soziale Fragen wichtiger

Deswegen lehnt Aigner, der Mitglied des Weltseilbahnverbandes OITAF ist, die Erzeugung diffuser Ängste vor einer Zukunft ohne Skisport, ohne Schnee und ohne Eis strikt ab. „Dies bedeutet nicht, dass die Zukunft des Skitourismus ausschließlich rosarot aussehen wird, doch eher wahrscheinlich sind Szenarien in der Mitte beider Extreme“, bekräftigt Aigner.

 

Aus derzeitiger Sicht werde die Breite des Skisports, also der Skitourismus, nicht vom „bösen Klima“, sondern eher durch eine Verminderung der Leistbarkeit (Gehalts- vs. Preisentwicklung) und durch die aktuellen soziodemografischen Verschiebungen in Europa bedroht. „Deswegen sehe ich mir die Zukunft des Wintersports ganzheitlich und interdisziplinär an und beobachte Faktoren, wie Demographie, Lohnentwicklung, Skiliiftpreise und Migration“, erklärt Aigner.


Skifahren in den Alpen werde elitärer und luxeriöser werden, da die Ticketpreise und die Einkommen unterschiedlich stark steigen. „Das Anspruchsniveau der Skifahrer wird immer höher, Skigebiete müssen dementsprechend massiv in ihre Infrastruktur investieren“, begründet Aigner die Preisentwicklung.

 

Kleine, günstige, technisch leicht veraltete Skigebiete würden es in Zukunft schwerer haben, Skigäste anzuziehen – trotz Schneesicherheit. Zudem sorge die geringe Anzahl an Geburten in den meisten mitteleuropäischen Ländern dafür, dass in diesen Nationen künftig weniger potenzielle Skifahrer leben werden.

 

„Dazu kommt, dass ein rasant größer werdender Teil der Einwohner Mitteleuropas gar nicht Skifahren will. Vor allem Menschen mit Migrationshintergrund haben meist keinen Bezug zum Wintersport“, ist
Aigner überzeugt.

Die Winter sind wärmer geworden – und zwar mit einer Geschwindigkeit von etwa 1,16 Grad Celsius pro Jahrhundert. Die Entwicklung beschleunigt sich derzeit nicht. Die Warnungen, dass die Winter bis 2100 um bis zu sechs Grad wärmer werden könnten, sind für ihn Panikmache. Grafik: Forum Zukunft Skisport

Schneecharts für Hotels

Die Ergebnisse seiner Forschung präsentiert der Skitourismusforscher unter anderem in rund 50 Vorträgen pro Jahr, sowie als Lektor an Hochschulen in
Österreich, China, Aserbaidschan, Serbien und Vietnam. Mittlerweile berät der 42-Jährige auch Seilbahnhersteller. Zusammen mit Kollgeen hat er 2018 mit einer Temperatur- und Schneestudie für Tirol große Resonanz in den Medien ausgelöst.

 

Zurzeit arbeitet Aigner an einer außeruniversitären Wintertemperaturstudie für ganz Österreich, seiner bisher umfangreichsten Analyse. Aigners Kernaufgabe bleibt jedoch, die Öffentlichkeit mit Fakten über die Schneeparameter in den Skiorten zu versorgen.

 

„In Lech hängen seit heuer 25 Schneecharts in Hotels, Hütten und Shops, damit wird das Thema der Arlberger Schneesicherheit unmittelbar an die Zielgruppe gebracht“, berichtet Aigner. Er empfiehlt jedem Skigebiet, das gleiche zu tun: „Wir müssen unseren Fans die Informationen in die Hand geben, die sie brauchen. Das ist leicht und macht Spaß!“ ts


Mehr über Günther Aigner, seine Positionen und Forschungen unter: www.zukunft-skisport.at