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Die Seilbahn Stieretungel verfügt über eine funktionell einfache Kabine und ein mehr als 1.000 Meter langes Spannfeld. Fotos: ZURBRÜGG

Zurbrügg auf der Alp:

Kleine Luftseilbahn ganz gross

Der Seilbahnhersteller ZURBRÜGG hat bereits einige Alpschaften mit kleinen Seilbahnen erschlossen. So nun auch die Alp „Stieretungel“ nahe Gstaad.

 

Die Alpschaften rund um den Lauenensee oberhalb von Gstaad im Berner Oberland sind nicht mit Straßen erschlossen. Die bisherigen Materialbahnen sind über 30 Jahre alt und für den Personenverkehr nicht zugelassen. Eine Erschließung mit einer neuen Luftseilbahn scheint meist die effizienteste Lösung für den Erhalt dieser Betriebe zu sein – so auch für die Alp Stieretungel.

 

Deswegen durfte der Schweizer Seilbahnhersteller ZURBRÜGG eine neue, einspurige Pendelbahn errichten, die künftig die Talstation Gschwänd, die den obersten Straßenanschluss vor der Alp aufweist, mit der Bergstation auf der Alp Stieretungel verbindet.Die Trasse führt an der „Arpeliflue“ vorbei, ein steiles und unzugängliches Gebiet, das ZURBRÜGG mit einem langen Spannfeld überbrücken musste. Das Spannfeld weist an seiner höchsten Stelle beinahe 100 Meter Bodenabstand auf, eine Bergung ist im Notfall dementsprechend eine Herausforderung.

Notlaufsystem mit Gravitationskraft

Die Anlage ist aus diesem Grund mit einem Notlaufsystem ausgerüstet, das ein Fahren mit Gravitationskraft ermöglicht. Sollte aus komplizierteren Gründen diese Lösung nicht funktionieren, wird die Bergung mit ausgeklügeltem Material der Firma IMMOOS ausgeführt. Ab der ersten Stütze kann ein Spezialist der Bergrettung mit einem Seilfahrgerät (gesichert mit einer tragbaren Winde) zur Kabine herunter gelassen werden. Dort nimmt er die Passagiere auf. Mit der Winde werden diese zur Stütze hochgezogen.Dort wo das Gelände es erlaubt, seilen die Retter die Fahrgäste direkt ab.

Mit der tragbaren Winde von IMMOOS wird der Bergespezialist zur Kabine geführt, wo er den Passagier sichert und wieder zur oberen Stütze führt.

Ganz im Stile der lokalen Bauernhöfe ist die Seilbahnstation gebaut und verziert.

Betrieb ist voll automatisiert

Die Anlage wird nicht, wie etwa die meisten ähnlichen Anlagen in der Innerschweiz, touristisch benutzt. Sie steht nur den Alpbenutzern zur Verfügung. Der Betrieb der Seilbahn ist voll automatisiert, sodass kein Maschinist auf der Anlage anwesend sein muss. Jeder Benutzer besitzt einen Zugangsschlüssel, den er dort einsteckt wo er die Bahn bedienen will. In den meisten Fällen ist dies direkt die Kabine, wenn diese sich bereits in der Station befindet. Ansonsten können die Fahrgäste die Kabine von der Station aus zurück beordern. In der Kabine kann der Benutzer die Geschwindigkeit regeln, anhalten und zurückfahren – je nach Wunsch und der aktuellen Windund Wetterlage.

Stromzufuhr durch Sonnenkollektoren

Die Anlage führt nach der „Arpeliflue“ über eine weitere Stütze zur Bergstation. Die Bergstation wird autonom über Sonnenkollektoren betrieben. Falls sich die Batterien nicht genügend aufladen, werden sie über das Zugseil geladen, wenn die Seilbahn nicht fährt. Diese Stromzufuhrlösung verwendet ZURBRÜGG auch für die Kabine. Zusammengefasst ist die neue Kleinluftseilbahn Stieretungel nicht nur das tägliche Werkzeug der Alpbewirtschafter und ein wichtiges Transportmittel, sondern auch ein schönes Erlebnis: Die Benutzter schwärmen von der Fahrt in bis zu 100 Metern über den Boden, besonders wenn die Abendsonne die Alplandschaften farbig erleuchten lässt. ts

Ganz auf Kundenwunsch ist die Kabine mit klappbaren Einladehilfen ausgestattet.

Pragmatische Lösung für die Benutzer zur Beurteilung der Windsituation.

Auch diese Vierbeiner gehören zu den Passagieren der Alpseilbahn.

Kompaktes, leichtes Antriebskonzept mit der Steuerung der Firma TSCHARNER.

Die schweizer Vorgaben für Kleinseilbahnen sind zu komplex!

Ein Kommentar von Rémy Supersaxo (Geschäftsleiter ZURBRÜGG)

Die kleinen Seilbahnanlagen wie Stieretungel fallen in der Schweiz unter die Aufsicht der Kantone. Diese greifen für die sicherheitstechnischen Belange auf die gesamtschweizerisch tätige Kontrollstelle des IKSS (Interkantonales Konkordat für Seilbahnen und Skilifte) zurück. Diese Kontrollstelle prüft im Auftrag der Kantone die Einhaltung der von der Gesetzgebung vorgegebenen Auflagen.

 

Diese Kleinseilbahnen, bei denen maximal acht Personen in jede Fahrtrichtung befördert werden dürfen, werden in der Schweiz – im Gegensatz zum übrigen Europa – nach der Seilbahnrichtlinie resp. der Europäischen Verordnung über Seilbahnen beurteilt. Die vom IKSS erwarteten Anforderungen an die Dokumente und Nachweise für die technisch grundsätzlich einfachen Kleinseilbahnen nehmen stetig zu, sodass mittlerweile der gleiche Aufwand betrieben werden muss wie bei viel komplexeren großen, touristischen Seilbahnen.

 

So ist für jede Sicherheitskomponente der Anlage und für jedes Teilsystem ein Zertifikat auszuweisen, welche von einer unabhängigen europäisch benannte Stelle ausgestellt wird, welches die konforme Anwendung der Europäischen Seilbahnnormen seinerseits überprüft. Diese Zertifikate und deren Schnittstellen werden wiederum von fachspezifischen Sachverständigen geprüft, bevor die Unterlagen beim Kanton und der Kontrollstelle eingereicht werden.

 

Für nicht-serienmäßige Lösungen, wie es diese kundenspezifische Kleinluftseilbahnen fast immer sind, bedeutet das jeweils eine Einzelzertifizierung und Einzelprüfung für jedes neue Projekt. Den Herstellern und Betreibern scheint, dass die erforderlichen hohen Sicherheitsstandards auch mit deutlich geringerem Aufwand erreicht werden können, wenn die geringere Komplexität der Anlagen und die Art der Nutzung mehr mitberücksichtigt werden.

 

Diese administrativen Aufwendungen bewirken, dass die Realisierung von Kleinseilbahnen zukünftig immer komplexer und kostenspieliger wird. Damit ist auch der Bestand von Alpschaften gefährdet, welche ohne Erschließung mit einer Seilbahn nicht mehr weiter betrieben werden können. Die öffentliche Hand, die bereits heute einen großen Teil der Kosten übernehmen muss, gerät so immer mehr in Bedrängnis!