Urbane Seilbahn auf Zeit

Bauzeiten von unter einem Jahr, niedrige Investitionskosten und rasche Genehmigungen entlang von öffentlichen Grundstücken – urbane Seilbahnen lassen sich rasch auf- und abbauen sowie bis zu drei Mal wiederaufstellen. Wie temporäre Seilbahnen Städte günstig weiterentwickeln, schildert uns Seilbahnplaner Stephan Salzmann im SI Urban Interview.

SI Urban: Herr Salzmann, warum eignen sich urbane Seilbahnen für temporäre Zwecke?

Stephan Salzmann: Im Gegensatz zu schienengebundenen Verkehrsträgern lassen sich Seilbahnen günstig und rasch errichten – unter einem Jahr und mit wenigen Millionen Euro. Führt die Strecke über öffentlichen Grund, etwa in der Mitte einer großen Straße, ist auch die Genehmigung meist kein Problem, insbesondere da diese ja zeitlich begrenzt ist.

Seilbahnen benötigen zudem nur wenig Fläche – für die Stützen und für die Stationen. Daher müssen nach Betriebsende gegebenenfalls nur die Fundamente rückgebaut werden, Stützen und Seilbahntechnik lassen sich dagegen leicht demontieren.

Stephan Salzmann

Geschäftsführer, Salzmann Ingenieure ZT GmbH

Dipl. Ing. Stephan Salzmann hat nach einer technischen Ausbildung zum Maschinenbauingenieur in der HTL Bregenz das Studium Maschinenbau Verkehrstechnik an der TU Wien absolviert. Seit 1995 ist Stephan Salzmann Geschäftsführer des Planungsunternehmens Salzmann Ingenieure und hat seither über 200 Seilbahnprojekte über alle Projektphasen betreut. Zu der langjährigen Erfahrung aus den alpinen Seilbahnprojekten sind seit 2022 konkrete Erfahrungen in der Umsetzung internationaler urbaner Seilbahnprojekte (zum Beispiel in Varanasi, Indien) hinzugekommen.

In welchen Situationen machen temporäre Seilbahnen Sinn?

Am interessantesten ist sicherlich die Anbindung von neuen Stadtvierteln an das öffentliche Verkehrsnetz. Wird ein neues Quartier entwickelt, kann zugleich die Seilbahn errichtet werden, die den Stadtteil sofort mit bestehenden Verkehrslinien verknüpft. Die Seilbahn fährt dann so lange, bis etwa die Metrolinie nachgezogen wird. Das dauert ja bekanntlich meist ein paar Jahre. Als Seilbahnplaner haben wir diesbezüglich bereits eine Machbarkeitsstudie für einen Immobilienentwickler in einer deutschen Großstadt durchgeführt.

Zwei parallele Seilbahntrassen in bis zu sieben Teilstrecken würden zwei bestehende S-Bahnlinien mit dem geplanten Quartier und einer bestehenden Klinik verbinden. Die zwölf Kilometer Seilbahnlinien ließen sich rasch und günstig umsetzen und würden sofort die Mobilität der dortigen Bewohner und Beschäftigten sichern.

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Die Seilbahn dient also als zeitliche Überbrückung?

Exakt, wobei das auch in bestehenden Stadtvierteln funktioniert. Will man etwa zwei U-Bahn-Linien rasch querverbinden oder bestehende Verkehrsachsen entlasten – etwa Busstrecken – kann die Seilbahn eine attraktive Lösung sein. Zudem ersetzt sie wortwörtlich Brücken: Wird etwa eine Auto- oder Eisenbahnbrücke saniert bzw. neu gebaut, kann die Seilbahn eine rasch umsetzbare Alternative sein, die temporär als „Umleitung“ dient.

Dreimal aufgestellt: Die Diasbahn (Kappl, Österreich), die BUGA-Seilbahn (Mannheim, Deutschland) und die Floriade-Seilbahn
(Almere, Niederlande) sind seilbahntechnisch ein und dieselbe Anlage. © FREY Austria/Doppelmayr

Eine weitere Anwendung sind Gartenschauen und Messen – richtig?

Davon kommt ja die Idee der temporären Seilbahn. Bestes Beispiel ist die Anlage, die 2022 für die Floriade in Almere errichtet wurde. Sie wurde nach Event-Ende demontiert und bereits 2023 für die Bundesgartenschau im deutschen Mannheim wieder aufgebaut. Aber damit nicht genug: Seit 2026 fährt dieselbe Anlage als Diasbahn im österreichischen Skigebiet Kappl. Die Seilbahn befindet sich sozusagen in ihrem dritten Leben.

Inwieweit funktioniert diese Mehrfachnutzung von Seilbahnen?

Im Gegensatz zu alpinen Anlagen lassen sich urbane Seilbahnen deutlich leichter mehrfach nutzen, da sich die Rahmenbedingungen – etwa die Steigung oder der Stützenabstand – kaum ändern. Mit Ausnahme des Seils und der Elektrotechnik lassen sich meist alle Komponenten wiederverwenden. Die moderne Seilbahntechnik ist seit der CEN-Norm 2003 stark standardisiert, das spielt Inhabern von Anlagen in die Hände.

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Inwiefern ist dies finanziell attraktiv?

Einerseits können Seilbahnbesitzer – etwa Immobilienentwickler – mit ihrer Anlage von Ort zu Ort ziehen und sie kostengünstig mehrfach aufstellen. Andererseits ist der Gebrauchtmarkt derzeit sehr attraktiv: Bestehende Seilbahnen sind um bis zu 50 Prozent günstiger als Neuanlagen, insgesamt sparen sich Investoren ein Drittel der Kosten. Entsprechend hoch ist die Nachfrage und es lassen sich gute Preise erzielen – teilweise höher als der Buchwert, sogar nach zehn Jahren! Dabei müssen nicht immer ganze Anlagen den Eigentümer wechseln, auch ein Teilkauf bzw. -verkauf ist üblich. Wichtig ist hier ein Makler mit Expertise, etwa ein Seilbahnplaner.

Inwieweit müssen Gebrauchtanlagen aufbereitet werden?

Wie bereits erwähnt, müssen Seil, Elektrotechnik und Steuerung stets neu gekauft werden. Die Seilbahntechnik, darunter Stationen und Stützen, kann nach Wartung und Prüfung meist ohne viel Aufwand neu montiert werden – sofern Parameter wie Seilspannkraft und Seildurchmesser einst weitsichtig genug gewählt wurden. Deshalb ist bereits vor der Anschaffung die Einbeziehung eines Seilbahnplaners so wichtig.

Die Kabinen werden meist einem Retrofit unterzogen, um ein neues Erscheinungsbild zu erzielen. Bei Bedarf sind auch kleinere Umbauten nötig, etwa die Demontage von Skiköchern, sollte ein urbaner Einsatz folgen. Es ist also durchaus denkbar, gleich mit einer Gebrauchtanlage zu starten. So wird eine temporäre urbane Seilbahn preislich noch attraktiver.

Interview: Thomas Surrer