Debatte: Wars das jetzt mit dem Fachkräftemangel?

SI-Experte Domenico Bergamin schreibt über die aktuelle Entspannung am Arbeitsmarkt und weshalb touristische Betriebe gerade jetzt ihre Arbeitsbedingungen weiterentwickeln sollten.

Plötzlich weniger Mangel

Bis vor kurzem war der Fach- und Arbeitskräftemangel eines der dominierenden Themen im Tourismus. In Befragungen von Betrieben rangierte die Suche nach geeigneten Mitarbeitenden regelmäßig weit oben auf der Sorgenliste.

Gerade in einer personalintensiven Branche ist das nachvollziehbar. Denn fehlende Mitarbeitende wirken sich schnell auf Angebot und Servicequalität aus.

Fehlen beispielsweise zwei Mitarbeitende im Restaurant, müssen die Verbliebenen größere Stationen übernehmen. Die Wartezeiten steigen, die Belastung im Team nimmt zu. Im schlechtesten Fall werden Öffnungszeiten reduziert oder Angebote gestrichen.

Die Gäste sind unzufrieden, die Mitarbeitenden zunehmend frustriert und die Attraktivität des Arbeitsplatzes sinkt weiter. Eine Negativspirale beginnt sich zu drehen.

Domenico Bergamin

Tourismusberater
domenicobergamin.ch

Corona als Brennglas

Wie schnell diese Entwicklung gehen kann, hat die Corona-Pandemie gezeigt. Geschlossene Betriebe und unsichere Perspektiven führten dazu, dass viele Mitarbeitende die Branche verließen. Als die Nachfrage zurückkam, fehlten sie an allen Ecken und Enden.

Offenbar ist zumindest ein Teil inzwischen zurückgekehrt. Gleichzeitig haben Betriebe reagiert, Prozesse effizienter gestaltet und Arbeitsmodelle flexibilisiert. Und plötzlich scheint der Fachkräftemangel etwas von seiner Dringlichkeit verloren zu haben.

Der Arbeitsmarkt kühlt sich ab

Dieser Eindruck täuscht nicht. Der Fachkräftemangel-Index der Adecco Group Schweiz ist 2025 zum zweiten Mal in Folge deutlich gesunken. Gegenüber dem Vorjahr nahm er um 22 Prozent ab.

Die Zahl der offenen Stellen sank um acht Prozent, während gleichzeitig 17 Prozent mehr Stellensuchende bei den RAV registriert waren.

Als Gründe gelten weniger offene Stellen, mehr Stellensuchende, die konjunkturelle Abkühlung sowie der Einfluss von Automatisierung und Künstlicher Intelligenz auf bestimmte Büroberufe.

Ein wesentlicher Teil der aktuellen Entspannung dürfte somit konjunkturell bedingt sein. Mit einer wirtschaftlichen Erholung kann sich die Situation entsprechend wieder verschärfen.

© Flaticon

Demografie bleibt Demografie

An der langfristigen Entwicklung ändert die aktuelle Entspannung wenig. Die geburtenstarken Jahrgänge verlassen zunehmend den Arbeitsmarkt, während weniger junge Menschen nachrücken.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Viele Babyboomer arbeiteten Vollzeit. Jüngere Generationen wünschen häufiger Teilzeitmodelle oder zusätzliche Ferien. Eine Person, die den Arbeitsmarkt verlässt, lässt sich deshalb nicht zwingend durch eine neue ersetzen.

Unter Umständen braucht es für dasselbe Arbeitsvolumen künftig eineinhalb Personen. Der Rekrutierungsbedarf könnte somit steigen, selbst wenn die Zahl der Arbeitsplätze konstant bleibt.

Jetzt wäre Zeit für Verbesserungen

Gerade deshalb wäre es riskant, die aktuelle Entspannung als neue Normalität zu betrachten. Vielmehr bietet sie den Betrieben Zeit, ihre Strukturen auf einen Arbeitsmarkt vorzubereiten, in dem unterschiedliche Lebensmodelle selbstverständlich werden.

Ein großes Potenzial liegt bei Frauen, die nach der Mutterschaft nicht oder nur teilweise in den Arbeitsmarkt zurückkehren. Längere Mutterschaftsurlaube, flexible Wiedereinstiege, Führungsfunktionen in Teilzeit und familiengerechte Arbeitszeiten können helfen, dieses Potenzial besser zu nutzen.

Dazu gehört auch, Teilzeit für Männer zu ermöglichen. Familienfreundlichkeit funktioniert kaum, wenn sie allein Aufgabe der Frauen bleibt.

Fahrer Erich Krabacher

arbeitet in der Pension weiter bei den Bergbahnen Sölden.

Auch am anderen Ende des Erwerbslebens bestehen Möglichkeiten. Viele Menschen sind beim Erreichen des Pensionsalters fit und würden gerne in reduziertem Umfang weiterarbeiten.

Gerade der Tourismus bietet dafür bereits gute Beispiele. Flexible Einsätze und passende Aufgaben könnten dieses Potenzial noch stärker erschließen.

Fazit: Die Atempause nutzen

Der Fachkräftemangel ist momentan weniger ausgeprägt. Seine strukturellen Ursachen sind damit aber nicht verschwunden. Die Demografie lässt sich ebenso wenig wegdiskutieren wie veränderte Vorstellungen davon, wie viel und wie lange Menschen arbeiten möchten.

Die aktuelle Entspannung sollte auch dazu genutzt werden, um die Bedingungen für Mitarbeitende weiterzuentwickeln. So können sich Betriebe für die nächste Phase einen Vorteil verschaffen.

Denn spätestens mit einer stärkeren Konjunktur dürfte der Wettbewerb um geeignete Arbeitskräfte wieder zunehmen. Dann werden jene Betriebe eine Nasenlänge voraus sein, die nicht erst wieder über ihre Attraktivität als Arbeitgeber nachdenken, wenn die Stellen erneut schwieriger zu besetzen sind.