
Management & Tourismus, Seilbahn & Technik, Wartung & Service
VTK in Thun: Rekorde, Risiken und Lösungen
Die VTK 2026, die vom 23. bis 25. September in Thun stattfand, verzeichnete einen Besucherrekord: Knapp 500 Teilnehmende kamen zusammen, um zu diskutieren, wie Seilbahnen noch sicherer gemacht werden können. Das diesjährige Tagungsmotto lautete treffend: „Sicherheit ist kein Glücksspiel“.
Ein weiterer wichtiger Höhepunkt der Tagung war der Führungswechsel: Der scheidende VTK-Präsident Andreas Zenger übergab sein Amt an den bisherigen VTK-Vorstand Andreas Sturzenegger.
Führungswechsel beim VTK:
Andreas Zenger (rechts) übergibt das Präsidentenamt an Andreas Sturzenegger.

BAV: Wo liegt Verbesserungspotenzial?
Niklaus Imthurn, Chef der Sektion Seilbahntechnik beim Bundesamt für Verkehr (BAV), präsentierte die aktuellen Jahreszahlen der Aufsichtsbehörde. Im vergangenen Jahr führte das BAV 36 Audits und 67 Betriebskontrollen durch, woraus 316 Feststellungen und Hinweise resultierten.
Verbesserungspotenzial sieht Imthurn vor allem bei der Dokumentation im Risikomanagement, der Aktualität von Betriebsvorschriften und der konsequenten Umsetzung von Maßnahmen nach Spezialisten-Kontrollen. Zudem verwies er auf Ressourcenprobleme und einen spürbaren Fachkräftemangel bei den Lieferanten.
Im Zeitraum von 2022 bis 2025 gab es auf Schweizer Seilbahnen keine getöteten Reisenden, jedoch verzeichnete das BAV eine Zunahme an schwer verletzten Fahrgästen. Die meisten Unfälle ereigneten sich beim Ein- und Ausstieg von Sesselbahnen, primär bedingt durch Fehlhandlungen der Passagiere. Leider kam es im vergangenen Jahr zudem zu einem tödlichen Arbeitsunfall beim Seilbahnpersonal.
Abschließend rief das BAV die Betreiber dazu auf, sich in der internationalen OITAF-Arbeitsgruppe 2 (Seile) zu engagieren. Dort werden dringend Praxisvertreter aus den Seilbahnunternehmen gesucht, um sicherzustellen, dass internationale Normendiskussionen realistisch und im Betriebsalltag umsetzbar bleiben.



Illusion der absoluten Sicherheit
Um das Thema Sicherheitskultur zu vertiefen, zeigte Imthurn auf, wie sich der gesellschaftliche Umgang mit Risiken verändert hat. Er zog dabei den Vergleich zu Kinderspielplätzen: Früher waren Gefahren dort sichtbar, was den Kindern Eigenverantwortung und eine gewisse Demut abverlangte. Heute hingegen versuche man, jedes Risiko unsichtbar zu machen.
Die Folge: Die Verantwortung wird komplett an den Betreiber delegiert, und bei einem Unfall werden sofort juristische Schuldige gesucht. Diese „Illusion der absoluten Sicherheit“ prägt auch die Seilbahnbranche.
Menschliches Versagen, so Imthurn, sei selten der alleinige Auslöser eines Unfalls, sondern lediglich der Moment, in dem die Schutzmechanismen einer Organisation an ihre Grenzen stoßen. Er betonte: „Sicherheit entsteht immer im Zusammenspiel, und ein Ereignis hat nie eine einfache Ursache.“

Fatzer-Team (v.l.): Oliver Reinelt, Remo Gubser, Philippe Bieri und Tobias Weiss mit SI-Herausgeber Gerald Pichlmair (rotes T-Shirt):

Daniel Schuler und Andreas Zimmermann von Remec mit Valentin Schuler von Sisag

Sarah Lea Müller und Michèle Hofer, Abacus Research AG
SUST: Faktor Mensch
Philippe Thürler, Bereichsleiter Bahnen und Schiffe bei der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST), beleuchtete in seinem Vortrag die häufigsten Unfallursachen bei Seilbahnen.
Eine Auswertung von 46 Untersuchungsberichten aus den letzten 15 Jahren brachte eine klare Erkenntnis: 
Thürler warnte vor wiederkehrenden Risikomustern durch unzureichende Kommunikation. So komme es zu Kollisionen zwischen Kabinen und Pistenfahrzeugen, weil Absprachen per Funk vor Betriebsbeginn vergessen werden.
Ein weiteres unterschätztes Risiko bleibe der Faktor Wind, der in der Langzeitstudie bei sieben Unfällen als primäre Ursache ermittelt wurde.
Thürler betonte hier die schwere, aber unumgängliche Verantwortung der technischen Leiter, Anlagen bei kritischen Werten konsequent abzustellen – selbst wenn das Wetter optisch schön sei. Die meisten Unfälle, so sein Fazit, ließen sich durch richtige und zeitgerechte Reaktionen des Personals vermeiden.

Von links: Kevin Szarka, Claus Dangel, Mario Koch vertraten die Bächler Top Track AG.

Das Bartholet-Team (v.l.): Michael Romer, Hannes Schlegel, Ruedi Brawand und Ali Rachide

Frauenpower am Stand der Doppelmayr Gruppe
SBS: Rekordumsätze trotz Fachkräftemangels
Berno Stoffel, Direktor von Seilbahnen Schweiz, überbrachte der Branche äußerst positive Nachrichten: Mit einem aktuellen Gesamtumsatz von 1,8 Milliarden Franken verzeichnen die Schweizer Seilbahnen ein Wachstum von 50 Prozent innerhalb der letzten zehn Jahre.
„Wir sind bei knapp 900 Millionen Umsatz im letzten Winter“, sagt Stoffel.
Der Sommerbetrieb verzeichnet auch Zuwächse und macht bei den Ersteintritten mittlerweile ein Drittel des Gesamtvolumens aus.

Berno Stoffel
Direktor von Seilbahnen Schweiz
„Wenn wir mal alle Einnahmen der Bergbahnen in der Schweiz für eine Einheit nehmen, stellen wir fest: Der Verkehrsumsatz im Winter macht nur noch 50 Prozent aus, 20 Prozent entfallen auf den Sommer, 18 Prozent auf Gastronomie und Hotellerie. Hinzu kommen 13 Prozent weitere Einnahmen, etwa aus Vermietungen, Werbung, Sponsoring und so weiter. Der breite Sommer und die Nebenbetriebe werden noch stärker werden.“
Leitfaden für externe Technische Leiter
Ein wichtiges Branchenprojekt widmet sich dem Thema der externen Technischen Leitung. Immer mehr Unternehmen sind aufgrund fehlender interner Lösungen gezwungen, diese Funktion extern zu vergeben.
Um rechtliche Unsicherheiten und Haftungsprobleme zu vermeiden, hat Seilbahnen Schweiz einen detaillierten Leitfaden erarbeitet. Dieser erklärt detailliert, welche Bewilligungen kommerzielle Verleihfirmen benötigen.
Ein weiteres Projekt in diesem Bereich nennt sich „Zukunft Technischer Leiter“: Der Lösungsansatz sieht vor, die Verantwortung künftig besser zu verteilen, indem die Bereiche „Betrieb“ und „Instandhaltung“ organisatorisch klarer getrennt werden.
Diese Struktur soll die Möglichkeit zur Delegation verbessern und attraktivere Karrierewege innerhalb der Betriebe schaffen.

Hans Hall, Inhaber des gleichnamigen Kettenherstellers, war auf der VTK in bester Laune.

Stephanie Vogt und Carlo Staldegger vertraten den Bodenhersteller Regupol.

Das „gelbe Team“ (v.l.): Christian Zimmermann, TechnoAlpin Schweiz AG/Xelom, Cyrill Gladek und Matthias von Moos, beide TechnoAlpin Schweiz AG
Neuausrichtung des Swiss Mountain Awards
Zum Abschluss kündigte Stoffel eine Neuerung für den „Swiss Mountain Award“ an. Der Preis wird in zwei Kategorien aufgeteilt: „Technische Innovation“ und „Touristische Innovation“.
Damit sollen künftig auch kleinere Betriebe mit cleveren Konzepten zur Gästelenkung, Nachhaltigkeit oder Inszenierung eine faire Chance auf die begehrte Auszeichnung erhalten.
IKSS: Vermeidbare Mängel und riskantes Fahrverhalten
Die Kontrollstelle IKSS inspizierte in der letzten Saison 427 Anlagen und sprach 1375 Auflagen aus. IKSS-Leiter Reto Zihlmann kritisierte, dass ein Drittel der Mängel rein organisatorisch und jede fünfte Beanstandung ein Wiederholungsfall aus den Vorjahren sei.
Bei den klassischen Skiliften führten unzureichende Beschilderungen sowie die mangelhafte Erreichbarkeit von Nothalteschaltern zu den meisten Beanstandungen.
Bei Förderbändern und Kleinskiliften – deren Hauptnutzer Kinder sind – fehlten hingegen oft aktuelle Betriebskonzepte oder es gab Mängel bei den Sicherheitseinrichtungen an der Ausstiegsstelle.
Die Ereignisstatistik zeigt zudem klar, dass das Fehlverhalten der Fahrgäste die Hauptunfallursache bleibt. So verzeichnete die IKSS in der vergangenen Saison allein acht gefährliche Seilentgleisungen, die durch vorsätzliches Slalomfahren der Gäste verursacht wurden.

Johannes Smetana von Teufelberger-Redaelli

Das Borer Lift AG-Team (v.l.): Axel Halder, Doris Halder, Philine Liniger, Roger Grütter, Rainer Rausch und Pascal Frei

Bruno Pfister (links) und Goran Miletic repräsentierten den Getriebespezialisten Kissling.
Restrisiko im Fokus: Der Fall Niederhornbahn
Dass selbst bei vorbildlicher Wartung ein unberechenbares Restrisiko bleibt, zeigten Raphael Matter, Technischer Leiter der Niederhornbahn AG, und Florian Grimm, Serviceleiter Seilbahnen, Inauen-Schätti AG, an einem Praxisbeispiel.
Trotz regelmäßiger Schwingungsmessungen, die keinerlei Auffälligkeiten zeigten, kam es 2025 an der Niederhornbahn aus dem Nichts zu einem massiven Lagerschaden am Umlenkrad der Bergstation. Ein lautes Knacken zwang zum sofortigen Betriebsstillstand und zur Evakuierung der Fahrgäste.
Der „Worst Case“ gipfelte in einer dreimonatigen, hochkomplexen Reparatur, bei der ein 2,5 Tonnen schweres Bauteil per Helikopter auf dem Berggipfel ausgetauscht werden musste.
Als Ursache wurde später eingedrungenes und gefrorenes Wasser ermittelt, das die Dichtungen zerstört hatte.
Das Fazit der Experten: Da sich solche Ausfälle nie zu 100 Prozent ausschließen lassen, braucht es künftig robustere Konstruktionen, Echtzeit-Überwachungssysteme statt punktueller Messungen sowie Notfallpläne, die im Ernstfall reibungslos greifen.

Remy Supersaxo, Seilbahn Museum Schweiz, Mirielle Salm, VTK, Gerald Pichlmair, SI-Herausgeber

Konstantin Kühner, Jakob Rope Systems

Pascal Ritler und Cyril Murmann, Lauchernalp Bergbahnen AG, und Guido Bayard, simatec AG
Kuppelbare Seilbahnsystem von MND

Ein zentraler Fokus der neuen Technologie liegt auf der Unternehmensnachhaltigkeit: Um den CO2-Fußabdruck beim Bau maßgeblich zu senken, setzt MND auf gezielte Materialeinsparungen bei Stahl und Beton sowie auf lokale europäische Lieferketten.
Ein technisches Herzstück ist zudem der Direktantrieb, der den Wartungsaufwand minimiert und die Lärmemissionen in den Stationen senkt. Das modulare System zeichnet sich darüber hinaus durch spezielle Federsysteme an den Gehängen aus, die für einen besonders hohen Fahrgastkomfort sorgen.
Nach der Realisierung einer Testanlage in Frankreich steht das System nun vor der internationalen Markteinführung: Die ersten kommerziellen Projekte werden aktuell in Usbekistan und in den USA umgesetzt.

Daniel Kaltenbach und Marco Larghi, Grünenfelder & Partner AG

Jacob Wyssen, Wyssen Seilbahnen AG

V.l.: Carlo Montani und Bernhard Zaugg, Motorex AG, Martina Stadler-Schmitter, Sportbahnen Melchsee Frutt, Marco Krebser, Motorex AG
Die nächste Technische Seilbahnfachtagung Schweiz (VTK) findet vom 22. bis 24. September 2027 in Disentis-Mustér statt.

