Klimawandel als Chance: Ein genauerer Blick

SI-Experte Domenico Bergamin über Erwartungen an den Sommertourismus, verbreitete Denkfehler und die Zukunft des alpinen Angebots.

Die neue Erzählung vom Sommer

Ein unter Touristikern beliebtes Narrativ ist, dass sich durch den Klimawandel für alpine Regionen neue Chancen eröffnen. Wenn die Winter unsicherer werden, so die Logik, müsse stärker in Sommerangebote investiert werden.

Dieser Gedanke ist nicht grundsätzlich falsch. Mit dieser Betrachtung machen wir es uns aber zu einfach – und verschieben strukturelle Herausforderungen auf morgen.

Die Mär von der Sommerfrische

Findige Touristiker haben für ihre Kommunikation die „Sommerfrische“ wiederentdeckt. Schon im 19. Jahrhundert zog es wohlhabende Städter in die Alpen, um der Hitze zu entkommen. Im Kontext des Klimawandels verändern sich die klimatischen Voraussetzungen jedoch deutlich.

Die Temperaturen steigen im Alpenraum mehr als doppelt so schnell wie im globalen Mittel. Hitzetage nehmen auch in höheren Lagen zu. Die Vorstellung dauerhaft kühler Bergsommer dürfte deshalb immer seltener der Realität entsprechen.

Domenico Bergamin

Tourismusberater

domenicobergamin.ch

Verkaufshit „kühler Schlaf“

Ganz verschwinden wird der klimatische Vorteil der Berge allerdings nicht. In weniger verbauten Alpentälern speichern Böden und Landschaften weniger Hitze als in dicht bebauten Städten. Vor allem nachts kann die Temperatur deutlich stärker sinken.

Bei offenen Fenstern, frischer Luft und ohne Tropennächte erholenden Schlaf finden, kann somit durchaus zu einem „Verkaufshit“ werden, insbesondere bei einer alternden Bevölkerung. Aber auch die zahlreichen, natürlichen und angelegten alpinen Seen werden noch mehr zu Anziehungsorten werden.

Von einer generellen „Sommerfrische“ im ursprünglichen Sinn kann jedoch kaum mehr gesprochen werden.

Hoffnung auf Fernmärkte

Ein zweiter Gedanke lautet, dass Gäste aus weiter entfernten Märkten künftig vermehrt zur Abkühlung in die Alpen reisen könnten. Doch auch hier lohnt sich ein genauerer Blick: Die Menschen in Nordamerika, den Golfstaaten und vielen Regionen Asiens verbringen ihren Alltag weitgehend in für uns meist viel zu tief heruntergekühlten, klimatisierten Räumen.

Ob in Wohnungen, Hotels, Einkaufszentren, Taxis oder öffentlichen Gebäuden. Geschwitzt wird erst, wenn mal kurz nach draußen gegangen werden muss. Das Argument der Abkühlung greift daher zu kurz. Zudem können weiter nördlich gelegene Reiseländer dieses Versprechen überzeugender einlösen.

© SI/Gemini (KI-generiert)

Fazit: Sommer entwickeln, Winter weiterdenken

Investitionen in den Sommertourismus sind sinnvoll. Allerdings nicht, weil sich das Tourismusgeschäft infolge des Klimawandels vom Winter in den Sommer verschiebt. Vielmehr deshalb, weil der Sommer vielerorts vergleichsweise wenig entwickelt wurde und entsprechend Aufholpotenzial besteht.

Gleichzeitig bleibt es entscheidend, den Winter weiterzudenken. Die Nachfrage nach Aufenthalten in den Alpen wird bestehen bleiben, auch wenn sich die Formen des Winterurlaubs verändern. Es gilt also, den Sommer zu stärken und gleichzeitig neue Angebote für die Wintersaison zu entwickeln. Damit wir auch unter sich verändernden Voraussetzungen attraktive Gründe für einen Aufenthalt in den Bergen schaffen.

Domenico Bergamin