
Management & Tourismus
Schnee, Sinn und Geschäftsmodelle: TFA adressiert Bergbahn-Schmerzpunkte
„Der Berg verhandelt nicht.“ – Ein Leitmotiv und eine klare Erinnerung, die das 35. TourismusForum Alpenregionen (TFA) vom 13. bis 15. April in Lech am Arlberg prägten.
Ob auftauender Permafrost, kürzere Winter, zunehmende Wetterextreme oder globale Marktbewegungen – die neuen Rahmenbedingungen lassen keine Kompromisse zu. Welche Handlungsspielräume bleiben dann für Bergbahner, Hoteliers und Touristiker?
Die Referenten lieferten beim Forum wertvolle Impulse dazu, was die Branche heute und in Zukunft zwingend im Blick behalten muss.

Roland Zegg
TFA-Veranstalter
„Ideen und Entscheide werden einzig daran gemessen, ob sie kurz-, mittel- und langfristig am Berg umsetzbar sind oder nicht. Das ist das Einzige, was zählt“, betonte TFA-Veranstalter Roland Zegg bei der Eröffnung.
Klimawandel – schon heute spürbar
„Die Forschung ist eindeutig: Der Klimawandel betrifft die Alpen besonders stark. Die Alpen erwärmen sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Schneesicherheit nimmt ab, Sommernachfrage steigt.“ Dem Klimawandel widmete sich gleich die erste Referentin des Forums, Salome Meyer, Botschafterin der Schweiz in Österreich.
Sie rief dazu auf, in Projekte zu investieren, die ökonomische Tragfähigkeit mit ökologischer Verantwortung und gesellschaftlicher Akzeptanz verbinden.
Benedicta Aregger, Vize-Geschäftsführerin Seilbahnen Schweiz, vertiefte anschließend das Thema Schneemangel. Sie verwies auf das Schweizer Projekt „Kompass Schnee“ – ein Online-Tool, das auf wissenschaftlich belegten, fundierten Daten basiert.
Es hilft dabei, die künftige Entwicklung von Erwärmung und Schneedecke in den verschiedenen Regionen des Landes zu prognostizieren und so die technische Beschneiung besser zu planen.

Salome Meyer, Botschafterin der Schweiz in Österreich

Benedicta Aregger, Vize-Geschäftsführerin Seilbahnen Schweiz
Adelboden: Wassermangel für die Beschneiung
Eines der Skigebiete, die der Klimawandel vor massive Herausforderungen stellt, ist Adelboden-Lenk. Zunehmend wärmere und trockenere Winter bedrohen die Schneesicherheit, insbesondere in tieferen Lagen sowie an Süd- und Westhängen.
Laut dem Stv. CEO & Leiter Angebot Berg der Bergbahnen Adelboden AG, Björn Luginbühl, droht ohne gezielte Gegenmaßnahmen die nutzbare Pistenfläche in Zukunft um rund 20 Prozent zu schrumpfen, und die Talabfahrten könnten komplett wegfallen.
Daher sind Investitionen in die technische Beschneiung eine der Prioritäten der Destination, und insbesondere in die Wassersicherheit.
Zwar benötigt das Gebiet für eine vollständige Beschneiung etwa 550.000 Kubikmeter Wasser, verfügt aktuell jedoch nur über eigene Speicher für 81.000 Kubikmeter, was bei längeren Trockenperioden und dem Ausbleiben von Schmelzwasser aus Bächen zu akuten Engpässen führt.
Im Gespräch:
- Roland Zegg, Veranstalter von TFA
- Björn Luginbühl, Stv. CEO & Leiter Angebot Berg Bergbahnen Adelboden AG
- Benedicta Aregger, Vize-Geschäftsführerin Seilbahnen Schweiz

Um diesen Entwicklungen zu trotzen, setzt die Bergbahnen Adelboden-Lenk AG auf eine Doppelstrategie. Einerseits wird mit Hilfe von Kompass Schnee gezielt in die Effizienz der Beschneiungsanlagen investiert, um durch neue Speicherseen die Wasserverfügbarkeit zu erhöhen und die nötigen Einschneizeiten zu verkürzen.
Andererseits baut das Skigebiet sein Angebot konsequent zu einer Ganzjahresdestination aus. So fließen in den nächsten zehn Jahren rund sechs Millionen Franken in den Ausbau der Mountainbike-Infrastruktur.
Ebenfalls auf der Agenda stehen Attraktionen wie das schweizweit größte „Trottiland“ für Abfahrten mit dem Roller, die weiter gestärkt werden.

Engadin St. Moritz: Umgang mit tauendem Permafrost
Mit einem Beispiel für konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel im Skigebiet traten auch Thomas Brunner, Leiter Seilbahnen bei den Engadin St. Moritz Mountains AG, sowie Lukas Arenson, Principal Geotechnical Engineer bei BGC, auf.
Die von ihnen geschilderte Geschichte ist zugleich alarmierend und hoffnungsvoll: Der Hang ist im Bereich der Bergstation Piz Nair abgerutscht, sodass das Gebäude der Bergstation gewissermaßen schwebte.
Sofortmaßnahmen wurden umgesetzt, und das Team begann, die Ursachen zu untersuchen. Im Jahr 2023 stellte sich heraus, dass die Probleme mit dem Permafrost zusammenhingen, der zunehmend verschwand.
Die Lösung waren Thermosiphons – ein System, das in Nordamerika weit verbreitet, in Europa jedoch kaum bekannt ist. Dank der Thermosiphons kühlt sich die Natur selbst – ganz ohne Strom oder Lärm.
Wie funktionieren Thermosiphons?
- Das Funktionsprinzip des Systems ist folgendes: In einem geschlossenen Stahlrohrsystem zirkuliert CO₂ ausschließlich durch Temperaturunterschiede.
- Im unterirdischen Verdampfer (Evaporator), der sich im dauerhaft gefrorenen Permafrost befindet, nimmt das flüssige CO₂ Wärme aus dem Boden auf und verdampft.
- Das erwärmte CO₂ steigt auf, gelangt in den oberirdischen Kondensator (Radiator) und gibt dort seine gespeicherte Wärme an die kühle Bergluft ab.
- Dabei kühlt es sich ab, kondensiert und fließt zurück in den Boden – der Kreislauf beginnt von vorne.
Die Bauarbeiten wurden 2025 abgeschlossen. Laut Brunner werden in den kommenden Monaten erste Ergebnisse erwartet – dann wird sich zeigen, ob die Deformationen gestoppt haben.

Thomas Brunner, Leiter Seilbahnen Engadin St. Moritz Mountains AG

Lukas Arenson, Principal Geotechnical Engineer BGC Engineering
Blatten: Vom Bergsturz zum Neuanfang
Über den Umgang mit Naturkatastrophen, die sich nicht verhindern lassen, sprach Fernando Lehner, Präsident der Aufbaukommission „Blatten 2030“. Die Lawine aus Eis und Schutt hatte das Dorf Blatten im Lötschental am 28. Mai 2025 zerstört. Rund 300 Menschen konnten rechtzeitig evakuiert werden.
Dies sowie eine transparente Kommunikation in der Krisenbewältigung ermöglichten es, die Entscheidung zu treffen, das Dorf wieder aufzubauen.
Viele Einwohner verloren durch den Bergsturz ihre Existenzgrundlage – 600 touristische Betten gingen verloren. Diese Situation zu bewältigen, war alles andere als einfach.
Hoffnung gab jedoch das auf der Lauchernalp in nur 105 Tagen errichtete Hotel „Momentum“, das mit 64 Betten bereits heute eine hohe Auslastung erreicht und den schnellen Wiederaufbau sichtbar macht.
Die Behörden planen, das Dorf bis 2029 wieder aufzubauen, wobei das zukünftige Blatten gemeinsam mit der Bevölkerung gestaltet wird.
Fernando Lehner
Präsident der Aufbaukommission Blatten 2030

Tourismus: Suche nach einem neuen „Purpose“
Neben dem Klimawandel zwingen gesellschaftlicher und demografischer Wandel den Alpentourismus zum radikalen Umdenken. Wie der Tourismusökonom und Professor an der Universität St. Gallen, Thomas Bieger, betont, verliert die Branche ihre klassischen Legitimationsgrundlagen.
In vielen Regionen sind Argumente wie die Sicherung von Arbeitsplätzen oder regionale Wertschöpfung kaum noch zugkräftig. Die Branche muss ihren gesellschaftlichen Zweck – Purpose – neu definieren.
Das Ziel muss sein, die Akzeptanz bei Einheimischen und Behörden zu sichern – besonders, da sich die Babyboomer als bisherige Hauptzielgruppe in den nächsten 15 Jahren allmählich aus dem aktiven Skisport zurückziehen werden.
Die Lösung liegt laut Bieger in der Transformation: Skifahren muss vom reinen Sport zum ganzheitlichen Lifestyle-Produkt werden. Strategisch erfordert dies massive Produktivitätssteigerungen (etwa durch Robotik), gezielte Nachwuchsförderung und innovative Bindungsmodelle wie Ganzjahrespässe.
Das Zielbild ist ein moderner Begegnungsort oder eine Art „Outdoor-Gym“, das Generationen verbindet und den Skigebieten eine neue Identität verleiht.
Thomas Bieger
Tourismusökonom & Professor Universität St. Gallen

Weisse Arena Gruppe: Neue Geschäftsmodelle
Reto Gurtner, Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats der Weisse Arena Gruppe AG, erläutert das innovative „Sale and Leaseback“-Modell:
Um das Skigebiet vor der Übernahme durch internationale Großkonzerne zu schützen, wurde auf Initiative der Gemeinden eine strategische Umstrukturierung vollzogen.
Die Weisse Arena AG verkaufte ihre gesamte Basisinfrastruktur für rund 98 Millionen Franken an drei Gemeinden und mietete diese für einen Zeitraum von 30 Jahren zurück.

Im Gespräch:
- Edgar Grämiger, Moderator von TFA
- Reto Gurtner, Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats Weisse Arena Gruppe AG
Dieser Schritt ermöglicht laut Gurtner eine klare Trennung von Politik und Wirtschaft. Die Betreibergesellschaft profitiert dadurch von Finanzierungskonditionen auf Staatsanleihen-Niveau und kann Investitionen effizient über die Pacht abwickeln.
Die Gemeinden wiederum behalten die Kontrolle über das systemrelevante Unternehmen und sind für den Fall einer Insolvenz des Betreibers abgesichert: Sie könnten ohne langwierige Rechtsstreitigkeiten sofort einen neuen Pächter finden.
Ein weiteres zukunftsweisendes Modell sieht Gurtner im Konzept „Resort als exklusiver Club“: Die Strategie der Zukunft liegt im konsequenten Verzicht auf Rabatte.
Skigebiete sollen sich zu Communities entwickeln, die ihre „idealen Kunden“ genau kennen und den Mitgliedern statt billiger Tickets exklusiven Mehrwert, Status und besondere Privilegien bieten.

Lechbergbahnen: Eine Zwischenbilanz der Teilfusion
Christof Pfefferkorn, Aufsichtsratsvorsitzender der Lech Bergbahnen AG, blickte auf die erfolgreiche Teilfusion der Schilifte Lech und der Rüfikopf AG zurück.
Ziel war es, das historisch gewachsene Geflecht aus zahlreichen Einzelgesellschaften aufzulösen, um ineffiziente Entscheidungswege und zeitraubende Doppelarbeiten zu beenden.
Die während der Corona-Pandemie initiierte Reform ermöglicht nun eine schlankere Struktur und einen verstärkten Fokus auf das operative Geschäft.
Ein erster Meilenstein der neuen AG ist ein gemeinsamer Masterplan für Sommer und Winter, der auf einem soliden Fundament aus Immobilien und touristischen Beteiligungen fußt.
Dennoch bleibt die operative Integration eine Daueraufgabe: Besonders die Optimierung der internen Kommunikation sowie der Kampf gegen den Fachkräftemangel – unter anderem durch den Bau neuer Mitarbeiterhäuser – stehen im Fokus.
Für künftige Zusammenschlüsse mit benachbarten Bergbahnen zeigt sich die Gesellschaft weiterhin offen.

Im Gespräch:
- Roland Zegg, Veranstalter von TFA
- Christoph Pfefferkorn, Aufsichtsratsvorsitzender der Lech Bergbahnen AG
Klaus Nussbaumer, Vorstand der Lech Bergbahnen AG, gab Einblicke in die Zukunftspläne des Skigebiets aus operativer Sicht.
„Mit einem Investitionsplan von rund 120 Millionen Euro schaffen wir die Basis für die nächsten Entwicklungsstufen im Interesse von Gästen, Mitarbeitenden und unseren Aktionären“, so Nussbaumer.
Im Zentrum der Strategie stehen dabei nicht nur technologische Erneuerungen, sondern auch sechs klare Grundpfeiler, darunter höchste Qualität für die Gäste, Regionalität und der bewusste Umgang mit Ressourcen.
Ein wichtiger Baustein dieser Regionalität ist beispielsweise der eigene Landwirtschaftsbetrieb „Schottenhof“ mit 40 Hochlandrindern, die im Sommer die Pisten beweiden und Fleisch für die Gastronomie liefern.
Klaus Nussbaumer
Vorstand & CEO Lech Bergbahnen AG

Höchste Priorität genießt die Schneesicherheit. Gemeinsam mit den Kollegen aus Oberlech ist ein neuer Beschneiungssee (260.000 Kubikmeter) geplant, um die wichtigsten Pisten künftig in nur 50 bis 80 Stunden komplett einzuschneien.
Ein weiterer entscheidender Erfolgsfaktor sind die Mitarbeitenden: Da 90 Prozent des Personals auf Dienstwohnungen angewiesen sind, investieren die Bergbahnen massiv in neuen Wohnraum – wie das kürzlich eröffnete „Teamhaus 787“ mit modernen Wohneinheiten und Fitnessraum.
Der Bergsommer rückt zudem verstärkt in den Fokus, um die Region zu einer echten Ganzjahresdestination zu entwickeln. Ein künstlerisches Highlight dieser Sommer-Offensive wird die Installation „Mountain Mirror“ des international renommierten Architekturbüros Snøhetta auf dem Dach der Zugerbergbahn sein.
Der 36. TFA findet vom 8. bis 10. März 2027 in Gstaad statt.