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Nicht nur Bikeparks: Neue Perspektiven im Radtourismus
Ein Mann, ein Bike und rund 200.000 Kilometer auf dem Tacho: Thomas Preßl ist ein absoluter Fahrrad-Enthusiast, der schon die halbe Welt umrundet hat – und dies oft mit der ganzen Familie.
Auf seiner letzten großen Radreise war er neun Monate unterwegs. Die Route startete im heimischen Salzburg und führte ihn bis an die nordöstliche Grenze der Türkei. Nach einem kurzen Flug ging das Abenteuer weiter: Quer durch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und den Oman – mitten durch die Wüste. Noch ein Flug, und schon radelte er durch Vietnam, Laos, Thailand und Malaysien.
Insgesamt knapp 16.000 Kilometer – gemeinsam mit seiner Frau Andrea.
„Wir nennen es unsere ‚Midlife Rises‘ – also keine Midlife Crisis“, lacht Thomas. „Die Kinder sind mittlerweile alt genug und einfach zu Hause geblieben. Es hat einfach alles perfekt gepasst.“
Übrigens war Thomas davor auch schon auf langen Radreisen mit seinen Kindern unterwegs. Und auch beruflich dreht sich bei ihm alles ums Zweirad: Er war 25 Jahre lang als Entwicklungsleiter beim größten österreichischen Fahrradhersteller tätig.
Wer, wenn nicht er, kennt die Trends der Fahrradwelt – auch im Tourismus?
Deshalb haben wir genau darüber gesprochen: Was sollen Tourismusregionen und Bergbahnbetreiber wissen, um Radfahrer als Gäste zu gewinnen? Und warum sind teure Bikeparks dafür oft gar nicht nötig?

SI: Thomas, bemerkst du einen Boom im Fahrradtourismus?
Thomas Preßl: Sicher – das Radfahren hat in den letzten zehn Jahren einen regelrechten Boom erlebt.
Ich habe selbst lange in der Industrie gearbeitet, und da hat man das deutlich gemerkt: Die Stückzahlen und auch der Umsatz sind regelrecht explodiert.
Elektroräder haben hier einen echten Boom ausgelöst und damit auch das Verhalten in den Tourismusregionen grundlegend verändert.
Seit etwa zwei bis drei Jahren erleben wir nun einen zweiten großen Boom – diesmal bei den Gravel Bikes. Dieses Segment wächst sehr stark und spricht eine sehr breite Kundenschicht an. Ebenso erleben Rennräder derzeit eine gewaltige Renaissance.
Auffällig ist dabei, dass der Frauenanteil deutlich gestiegen ist. Während der sportliche Radsport früher eher von Männern dominiert wurde, bewegen wir uns heute in vielen Bereichen bei einem Verhältnis von gut und gerne 50 zu 50.
Viele Bergdestinationen setzen auf Bikeparks, um Radfahrer anzuziehen. Was würden Sie ihnen raten?
Meiner Meinung nach bedienen Bikeparks in erster Linie eine Nische: Das sind wirklich meist die Spezialisten, die dort fahren.

Die breite Masse der Radfahrer braucht eigentlich keinen Bikepark – bzw. dient ein solcher lediglich als gute Ergänzung – und genau deshalb können Bergbahner viele Fahrradgäste auch anziehen, ohne aufwendige und große Trail-Anlagen zu bauen.
Die meisten Radfahrer wünschen sich ein relativ großes Gebiet mit mittelschwerem Gelände. Es geht weniger um Extreme, sondern vielmehr um das Naturerlebnis. Viele fahren von Hütte zu Hütte und genießen unterwegs die regionale Gastronomie. Genau diese Kombination aus Bewegung, Natur und Genuss macht den aktuellen Erfolg des Gravel-Bikens sowie auch der E-Bikes aus. Die Seilbahn kann hier als Ergänzung dienen.
Was meinst du mit „Seilbahn als Ergänzung“?
Zum Beispiel bei Touren, die den ganzen Tag dauern und weit über 1000 Höhenmeter beinhalten – der Aktionsradius ist mit einem E-Bike deutlich größer als mit einem „Biobike“. Vielleicht legt man den ersten Abschnitt gleich mit der Seilbahn zurück. Oder man fährt zunächst mit dem E-Bike, dann in ein anderes Tal hinunter und nutzt dort eine Seilbahn für den nächsten Anstieg. Man kann also verschiedene Elemente miteinander kombinieren.
Ich spreche von 1.000 Höhenmetern, weil das mit einem normalen E-Bike heute gut machbar ist – auch ohne Nachladen. Darüber hinaus sollte nachgeladen werden oder es wird eben eine Zwischenetappe mit der Seilbahn zurückgelegt.
Die Seilbahn ist aber kein Muss, sondern eher eine Ergänzung, die man bei Bedarf in die Tour einbauen kann.
Welche Infrastruktur brauchen Radfahrer?
Wenn wir über Radtouren in den Bergen sprechen, dann braucht es vor allem eine entsprechende Ladeinfrastruktur bei den Hütten. Die Ladeleistung vieler E-Bikes ist noch begrenzt. Die meisten Systeme laden nicht besonders schnell, sodass ein vollständiger Ladevorgang oft mehrere Stunden dauert. In den kommenden Jahren wird sich hier aber einiges tun.
In diesem Zusammenhang können auch Seilbahnen eine sinnvolle Ergänzung sein. Sie ermöglichen es, einzelne Anstiege zu überbrücken und damit Akkukapazität zu sparen.
Radtourismus mit Kindern
erfordert keine komplizierte Infrastruktur – wichtig sind vor allem Rastplätze entlang der Strecke, idealerweise mit Spielplätzen, Schatten und Wasser.

Wenn ich ein mittleres Skigebiet wäre – auf welche Zielgruppe sollte ich mich fokussieren?
Grundsätzlich würde ich in einem Skigebiet zunächst auf sportliche E-Mountainbiker setzen. Die Berge sind da, und genau dafür kaufen sich viele Menschen ein hochwertiges E-Bike. In der Altersklasse U30 boomt seit geraumer Zeit das Gravelbike. Wenn es zusätzlich schöne, verkehrsarme Asphaltstraßen gibt, kann auch Rennradfahren sehr attraktiv sein.
Mit Gravelbike und E-MTB kann man ein sehr breites Publikum ansprechen. Wichtig ist aber, dass genügend Abwechslung vorhanden ist. Die meisten Gäste bleiben etwa eine Woche und möchten nicht jeden Tag dieselbe Strecke fahren. Man sollte also mindestens drei oder vier unterschiedliche Touren anbieten können.
Der Unterschied zum Bikepark ist, dass dort viele Fahrer dieselbe Line immer wieder fahren, um ihre Technik zu verbessern. Gravel- und E-MTB-Gäste suchen dagegen vor allem das Erlebnis: schöne Landschaften, Natur, Einkehrmöglichkeiten und abwechslungsreiche Routen.
Deshalb braucht es nicht nur einzelne Strecken, sondern möglichst ein zusammenhängendes Routennetz mit verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten.
Sollte es möglich sein, ein Fahrrad zu mieten?
Ich sehe das eher als Ergänzung und nicht als entscheidenden Faktor. Die meisten Gäste, die zum Radfahren in eine Region kommen, haben bereits ein eigenes Fahrrad. Gerade im DACH-Raum reisen viele mit dem Auto an und bringen ihr Rad auf dem Fahrradträger mit.
Wenn Gäste ein Fahrrad mieten, dann oft deshalb, weil Radfahren nicht der Hauptgrund ihrer Reise ist. Sie kommen beispielsweise zum Wandern und möchten an einem Tag zusätzlich eine Radtour unternehmen.
Wo suchen Radtouristen heute nach Touren und Routen?
Für die meisten Radtouristen ist heute Komoot die wichtigste Plattform. Dort suchen und planen viele ihre Touren. Für besonders sportliche Fahrer spielt auch Strava eine wichtige Rolle.
Wichtig ist dabei allerdings, dass die Touren korrekt beschrieben und kategorisiert werden. Wenn beispielsweise eine Route als Mountainbike-Tour beworben wird, aber überwiegend auf Asphalt oder breiten Forststraßen verläuft, kann das schnell zu Enttäuschungen führen.
Ist das Thema Emotionen auch für Radfahrer wichtig? Und wodurch entstehen diese Emotionen?
Ja, absolut. Beim Radfahren ist es ähnlich wie beim Wandern: Man investiert körperliche Energie und möchte dafür belohnt werden.
Die Emotion entsteht oft genau in diesem Moment der Belohnung. Das kann ein beeindruckendes Panorama sein, eine spektakuläre Passage entlang einer Felswand, ein Tunnel oder einfach eine schöne Hütte mit guter Aussicht. Solche Erlebnisse bleiben in Erinnerung.
Dazu kommen die kleinen Dinge: ein guter Kaffee oder Apfelstrudel unterwegs, die Begegnungen mit Menschen oder nach einer langen Tour die Sauna und eine Massage im Hotel. All das trägt zum Gesamterlebnis bei.

Welche Regionen oder Länder sind aus Sicht des Radtourismus besonders gut entwickelt?
Für den Mountainbike-Tourismus gehören der Vinschgau rund um Latsch sowie die Region um den Gardasee, insbesondere Riva, für mich zu den Top-Destinationen. Dort wurde über viele Jahre konsequent in das Thema Radfahren investiert, und die Regionen profitieren heute zusätzlich stark vom E-Bike-Boom. Das weitläufige Gebiet um Finale Ligure ist ebenso sehr reizvoll.
Im Bereich der Radreisen zählen für mich der Alpe-Adria-Radweg und der Tauernradweg zu den besten Beispielen. Diese Strecken bieten nicht nur landschaftlich viel, sondern verfügen auch über eine sehr gute touristische Infrastruktur.
Für Rennradfahrer ist Frankreich nach wie vor eine der interessantesten Destinationen. Neben den Strecken beeindruckt dort vor allem die Fahrradkultur. Die Akzeptanz gegenüber Radfahrern ist sehr hoch, Autofahrer verhalten sich rücksichtsvoll, und man fühlt sich als Radfahrer willkommen. Das macht das Fahrerlebnis besonders angenehm.
Worauf sollte man bei der Weiterentwicklung des Radangebots noch achten?
Ein wichtiger Punkt ist die Legalisierung von Rad- und Mountainbikewegen.
Problematisch finde ich die Entwicklung hin zu Bikeparks als „Ghettos“, wo Radfahrer praktisch isoliert werden: dort sind die Radfahrer und sonst nirgends.
Ich würde eher auf Shared Trails setzen, wie im Vinschgau – also gemeinsam genutzte Wege, etwa Wanderwege, auf denen auch Radfahrer fahren. So können kritische Abschnitte bei den keine getrennten Biketrails bzw. Wanderwege möglich sind gut entschärft werden.
Das funktioniert in der Praxis sehr gut, wenn klar beschildert ist, weil dadurch beide Seiten Rücksicht nehmen.

Welche Radreise ist dir besonders im Gedächtnis geblieben und warum?
Abgesehen von den Langzeitreisen auf andere Kontinente, gibt es viele kürzere Reisen, an die ich gerne zurückdenke, Frankreich, Armenien oder Portugal zum Beispiel. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir jedoch der Camino de Santiago.
Es war weniger die Strecke selbst als vielmehr das besondere Reisegefühl.
Über Wochen waren Menschen aus unterschiedlichsten Ländern unterwegs, alle mit demselben Ziel. Dadurch entstand eine ganz besondere Atmosphäre.
Die Unterkünfte waren einfach, aber sehr gastfreundlich, und man traf ständig auf offene und freundliche Menschen.
Generell macht für mich nicht nur die Landschaft eine Radreise aus, sondern auch die Begegnungen unterwegs. Als Radfahrer ist man dem Wetter und der Umgebung viel unmittelbarer ausgesetzt als andere Reisende.
Man ist offen für Kontakte und erlebt ein Land sehr direkt. Deshalb prägen die Menschen und die lokale Kultur eine Reise oft genauso stark wie die Route selbst. Genau das ist mir vom Camino de Santiago besonders in Erinnerung geblieben.