Urbane Seilbahnen: Von der Idee bis zur Umsetzung

Urbane Infrastrukturprojekte erfordern eine solide Vorbereitung und Planung, doch ausgerechnet bei der Seilbahn scheint dies oft ignoriert zu werden. Der Öffentlichkeit werden Ideen präsentiert, ohne vorab zu prüfen, welche Mobilitätsbedürfnisse überhaupt erfüllt werden sollen und welche Auswirkungen diese Verbesserung haben werden. Wie man es richtig macht, zeigt das erfolgreich umgesetzte Projekt „Câble C1“ bei Paris.

Mit täglich rund 12.500 Fahrgästen liegen die Nutzerzahlen der Câble C1 bereits in den ersten Monaten um 1.500 über den Prognosen. Als erste urbane Seilbahn im Großraum Paris (Île-de-France) etabliert sie sich damit als internationales Vorzeigeprojekt für innovative Verkehrslösungen in dicht besiedelten Gebieten.

„Denn der Prozess von der politischen Willensäußerung bis zum öffentlichen Betrieb mit Fahrgästen war mustergültig“, sagt Reinhard Fitz, Head of International Business Development des Seilbahnherstellers DOPPELMAYR. Er skizziert den idealen Projektablauf wie folgt.

Reinhard Fitz,

Head of International Business Development des Seilbahnherstellers DOPPELMAYR, hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Seilbahn-Projektentwicklung.

Erster Schritt: Der politische Wille

Am Anfang stehe die politische Entscheidung, die Mobilität in gewissen Bereichen einer Stadt zu verbessern – unabhängig davon, wie dieses Ziel zu erreichen ist. „In der Gemeinde Limeil-Brevannes der Region Île-de-France kam dieser politische Wille 2008 auf“, berichtet Fitz.

Wichtig sei dabei, dass die Stärkung der Mobilität als alternativlos angesehen wird und sich die Politik zur Umsetzung verpflichtet – wie auch immer die Lösung letztendlich aussehen sollte.

Zweiter Schritt: Die Mobilität analysieren

Darauf aufbauend gelte es, die Mobilitätsbedürfnisse der künftigen Fahrgäste zu analysieren und aktuelle Schwachstellen zu untersuchen.

„Die Verantwortlichen müssen sich fragen: Für wen wollen wir die Mobilität verbessern? Wer reist von wo wohin? Was muss warum verbessert werden?“, sagt Fitz. Hier würden die nötigen Verbindungen formuliert – noch immer unabhängig von der Wahl des Verkehrsmittels.

Die Câble C1

ist ein Meilenstein in Sachen urbaner Seilbahnen.

Dritter Schritt: Verkehrsmittel voruntersuchen

Erst jetzt folge die Auswahl der in Frage kommenden Transportsysteme: Welche Verkehrsmittel kommen überhaupt in Frage? Ob Bus, Tram oder Seilbahn: Die möglichen Verkehrsträger würden dann systematisch miteinander verglichen und eingestuft.

„Es geht nicht darum, einfach eine Seilbahn zu bauen. Nur wenn sie ökonomisch, ökologisch und verkehrstechnisch die beste Wahl ist, sollte sie gebaut werden“, so Fitz. Seilbahnen würden nicht alles leisten, was andere Verkehrsmittel können, aber vieles, was andere Verkehrsmittel nicht können. Deshalb müssten Seilbahnen immer integrativ als Ergänzung zu bestehenden Verkehrssystemen gedacht und geplant werden.

„In der Region Île-de-France bestand die Situation, dass vier Vororte nur unzureichend an die Metro und somit an die Stadt Paris angeschlossen waren, da die Metrolinie zu früh endete“, sagt Fitz.

Câble C1

überwindet Barrieren, wie Industriegebiete, ein Güterbahnhof, eine Schnellstraße sowie eine Strecke für Hochgeschwindigkeitszüge.

Zudem isolierten Barrieren, wie Industriegebiete, ein Güterbahnhof, eine Schnellstraße sowie eine Strecke für Hochgeschwindigkeitszüge, die Orte vom bestehenden ÖPNV-Netz.

„Die Busse mussten Umwege in Kauf nehmen und standen selbst oft im Stau“, nennt Fitz eine Schwachstelle in der Mobilität im Großraum Paris. Hier konnte die Seilbahn ihre Stärken voll ausspielen und wurde gegenüber den anderen Verkehrsträgern besser bewertet.

„Mit ihrer Fähigkeit zur Überwindung von physischen und topografischen Hindernissen, mit einem kontinuierlichen und zuverlässigen Betrieb sowie ihrem geringen Platzbedarf und der kurzen Bauzeit sind urbane Seilbahnen ein leistungsfähiges Element für den Werkzeugkasten des Verkehrsplaners und für eine erfolgreiche Stadtentwicklung“, führt Fitz weiter aus.

Zeitstrahl

des Seilbahnprojektes „Câble C1“ in der Region Île-de-France (Großraum Paris).

Vierter Schritt: Machbarkeit prüfen

Hat sich die Seilbahn – wie in Île-de-France – transparent, nachvollziehbar und faktenbasiert gegen andere Verkehrslösungen durchgesetzt, erfolgt die technische Machbarkeitsstudie.

Für ein erfolgreiches Projekt ist eine solide Machbarkeitsstudie der wesentliche Baustein für einen reibungslosen Umsetzungsprozess, ein überzeugendes Geschäftsmodell sowie eine ausgewogene Risikoverteilung zwischen den Parteien“, bekräftigt Fitz. I

m Falle von „Câble C1“ gab das Département Val-de-Marne 2010 eine vorläufige Machbarkeitsstudie in Auftrag, an die sich 2013 die Genehmigung des Masterplans für das Seilbahnprojekt anschloss. Zeit- und Kostenaufwand derartiger Planungsschritte sind überschaubar und benötigen kein großes Budget.

Im Falle von Île-de-France legten die Verantwortlichen anschließend Ziele und Merkmale des Projektes fest und führten von 2016 bis 2019 diverse Detailstudien durch.

„In dieser Zeit wurden die Genehmigungen auf verschiedenen Regierungsebenen eingeholt und abschließend das öffentliche Interesse, sowie die Gemeinnützigkeit festgestellt“, berichtet Fitz.

Câble C1 zeigt,

wie Seilbahnen als integraler Bestandteil des öffentlichen Verkehrsnetzes wirken können.

Fünfter Schritt: Projekt ausschreiben

Erst jetzt kommen die Seilbahnhersteller ins Spiel. In einem wettbewerblichen Dialog als Vergabeverfahren werden alle planungsrelevanten, gestalterischen und technischen Fragen ausführlich geklärt und bewertet.

„Im Falle von Paris erfolgte das Vergabeverfahren von 2020 bis 2021, in dem ein Konsortium unter der Leitung von DOPPELMAYR France den Zuschlag des Projektträgers Île-de-France Mobilités erhielt“, so Fitz.

Den Seilbahnspezialisten standen Experten für Infrastrukturplanung, Landschaftsgestaltung, Hoch- und Tiefbau sowie Architektur zur Seite. Als Betreiber der Anlage setzte sich in einem späteren Vergabeverfahren Transdev Coteaux de la Marne durch.

Câble C1

soll bis zu 11.000 Fahrgäste täglich ans Ziel bringen. Die Fahrzeit über die Strecke beträgt 18 Minuten.

Sechster Schritt: Entwurf genehmigen & umsetzen

Nach der Ausschreibung machen sich die Unternehmen an die Arbeit, entwerfen die Baupläne und lassen diese genehmigen. Anschließend wird die Seilbahn gebaut, geprüft und in Betrieb genommen. In Île-de-France nahmen diese Schritte drei Jahre in Anspruch (2023 bis 2025). Im Dezember 2025 nahm die Seilbahn schließlich ihren Betrieb auf und stieß sofort auf große Resonanz.

Fazit: Ganzheitliche Projektentwicklung

„Mit der Seilbahn steht uns schon heute eine ausgereifte Technologie zur Verfügung, um schnell und kostengünstig auf Herausforderungen zu reagieren“, ist Fitz überzeugt. Wichtig sei dabei, verschiedene öffentliche Verkehrsmittel effizient zu integrieren.

Im Zentrum der Planung stehe dabei immer eine ganzheitliche verkehrliche Projektentwicklung und die Zusammenarbeit von Politik, Verkehrs- und Stadtplanern. Ziel ist es, den ÖPNV für Fahrgast und Betreiber zu optimieren sowie gesellschaftlichen Nutzen zu schaffen, schließt Fitz:

„Das Paradebeispiel dafür ist die Câble C1 bei Paris!“