
Management & Tourismus, Planen & Bauen, SI 3/2026
Infrastruktur: Vom Solo- zum Masterplan
Qualität ist sichtbar gestiegen Durch meine Arbeit entdecke ich immer wieder gut durchdachte und hochwertig umgesetzte Infrastrukturprojekte. Ich habe den Eindruck, dass vielerorts bewusster, sorgfältiger und hochwertiger entwickelt wird als früher.
Regionales Bewusstsein fließt sowohl architektonisch in die Materialisierung und Formensprache wie auch inhaltlich in die regionale Küche und in lokale Produkte.
Zwei besonders gelungene Beispiele sind der Neubau der Bergstation Motta Naluns in Scuol und das Restaurant Grüneck am Erlebnisberg Golm. Diese Projekte zeigen exemplarisch, wie moderne Infrastruktur, architektonische Qualität und regionale Identität zusammenfinden können.

Domenico Bergamin
Tourismusberater domenicobergamin.ch
Zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsfragen
Trotz einiger positiver Beispiele fällt mir jedoch immer wieder auf, dass viele Projekte isoliert betrachtet und umgesetzt werden. Das ist nachvollziehbar.
Denn zwischen operativem Betrieb, Wartung, Ausbau der technischen Beschneiung, dem Ersatz in die Jahre gekommener Infrastruktur und stetigen Anpassungen an neue Gästebedürfnisse, gilt es auch noch alternative Winterangebote zu entwickeln und ganz allgemein das Geschäftsmodell für 2050 zu prognostizieren.
Wer behält da als Bergbahnchefin bzw -chef noch den Überblick, geschweige denn die notwendige strategische Weitsicht?
Infrastruktur & Design
Das Bergrestaurant „Motta Naluns“ in Scuol ist ebenfalls ein gelungenes Beispiel für ganzheitlich gedachte Infrastruktur.

Genau hier liegt jedoch auch das Risiko. Denn selbst qualitativ hochwertige Einzelprojekte entfalten nicht automatisch eine ganzheitliche Wirkung. Wenn Investitionen ohne gemeinsamen strategischen Rahmen entstehen, fällt Bestehendes plötzlich aus dem Rahmen.
Eine gemeinsame Identität geht verloren bzw. kann nicht aufgebaut werden. Skigebiete und Destinationen funktionieren letztlich als zusammenhängende Erlebnisräume.
Gäste unterscheiden nur selten zwischen Bergbahn, Hotel, Gastronomie oder Freizeitangebot. Für sie entsteht ein Gesamteindruck. Umso wichtiger ist die Frage, wie einzelne Angebote zusammenspielen und welche Funktionen verschiedene Orte innerhalb eines Erlebnisraums übernehmen.

Orientierung statt Luftschlösser
Hier können strategische Masterpläne eine wichtige Rolle übernehmen. Nicht als starres Planungsinstrument, das jede Entwicklung vorgibt. Sondern als gemeinsamer Orientierungsrahmen für die langfristige Entwicklung eines Erlebnisraums.
Ein guter Masterplan verfolgt einen visionären Ansatz, ohne unrealistische Luftschlösser zu skizzieren, und schafft es gleichzeitig, bestehende Projekte, Ideen und Potenziale in einem nachvollziehbaren Gesamtbild zusammenzuführen.
Er muss dabei nicht jede Herausforderung bereits abschließend gelöst haben. Entscheidend ist vielmehr, dass die angedachte Entwicklung grundsätzlich realisierbar bleibt, auch wenn dafür große Anstrengungen notwendig sein werden.

Die wohl wichtigste Funktion eines Masterplans besteht darin, Orientierung zu schaffen. Nicht nur für diejenigen, die ihn später umsetzen müssen, sondern auch für Politik, Bevölkerung, Investoren und weitere Stakeholder.
Ein nachvollziehbares Zukunftsbild erleichtert Entscheidungen, schafft Vertrauen und hilft dabei, Entwicklungen langfristig mitzutragen. Was dabei häufig untergeht, ist die emotionale Wirkung, die ein Masterplan entfalten kann.
Wenn es gelingt, ein glaubwürdiges Zukunftsbild zu entwerfen, entsteht mehr als nur ein Planungsinstrument. Dann wird ein Masterplan zu einem wirkungsvollen Werkzeug, das Kräfte bündelt, Aufbruchstimmung erzeugt und Entwicklung ermöglicht.
Langfristig denken
Gerade im alpinen Tourismus entstehen viele Entscheidungen unter hohem wirtschaftlichem Druck. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, trotz kurzfristiger Herausforderungen langfristig zu denken. Gute Einzelprojekte bleiben entscheidend.
Doch ihre Wirkung entfalten sie erst dann vollständig, wenn sie Teil eines größeren Ganzen sind. Ein guter Masterplan garantiert diesen Erfolg nicht automatisch. Er kann aber die Grundlage dafür schaffen, dass aus einzelnen Projekten eine langfristig tragfähige und gemeinsam getragene Vision entsteht.