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Die Geschichte über die Abt‘sche Weiche der Standseilbahn Giessbach zeigt klar, dass einfache Ingenieurlösungen oft erst dann gefunden werden, wenn sich kompliziertere Lösungen nicht bewährt haben. Foto: Grandhotel Giessbach

SI Report: Standseilbahn Giessbach

Die erste Abt‘sche Weiche der Welt

Mitten im Herzen der Schweiz führt die Standseilbahn Giessbach vom Brienzer See zum Grandhotel Giessbach hinauf. Die Anlage fährt seit 1879 über die erste Abt‘sche Weiche der Welt.

 

Über eine Seilbahn, die Technikgeschichte geschrieben hat.

 

In Europa waren die Jahre von 1871 bis 1914 eine Periode von noch nie dagewesener Prosperität und Frieden, welche später Belle Epoque genannt wurde. Eisenbahnnetze wuchsen und machten internationale Reisen einfacher.

 

In der Folge entdeckten immer mehr Reisende die natürlichen Wunder der Alpen. Das erzeugte Gelegenheiten für Unternehmer, diese Wunder zugänglich zu machen für Touristen, welche sich das leisten konnten.

 

Die eindrücklichen Fälle des Giessbachs wurden als eines dieser Wunder betrachtet. Ein Hotel wurde bei den Fällen erstmals in 1857 eröffnet.

 

Das heutige Hotel, das Grandhotel Giessbach mit 150 Zimmern und dem Aussehen eines französischen Barockpalastes wurde in 1875 eröffnet.

Dieses Hotel war 100 Meter höher gelegen als die Schiffsanlegestelle, zu viel für viele der Gäste. Daher schrieb der Bauherr Karl Hauser- Blattmann den Bau einer Standseilbahn aus, welche das Hotel mit der Schiffsanlegestelle verbinden sollte.

Der anfängliche Wassertankbetrieb erforderte ein nahezu konstantes Gefälle um Änderungen im Bremsaufwand für die Geschwindigkeitsregelung zu minimieren. Daher gestaltete Abt den Oberbau der Strecke mit einem hohen Brückenanteil, so wie er heute noch ist. Fotos: SI/Surrer

Riggenbach & Abt bekamen den Auftrag

Die IGB (Maschinenfabrik der Internationalen Gesellschaft für Bergbahnen) gehörte dem Schweizer Ingenieur Niklaus Riggenbach. Sein Meisterstück war der Bau der Zahnradbahn auf die Rigi in 1873.

 

In 1878 stellte er den 28-jährigen Carl Roman Abt als Chefingenieur an. Die zeitgenössischen Standseilbahnen brauchten entweder zwei Geleise oder mindestens drei Schienen um das gegenseitige Ausweichen der Wagen in der Streckenmitte zu ermöglichen.

 

Abt schlug eine Lösung mit einem Gleis und einer Ausweiche in der Mitte vor. Der offensichtliche Kostenvorteil brachte IGB vor alle anderen Wettbewerber und IGB bekam die Bestellung.

 

Die technische Einrichtung und Brückenteile des Oberbaus wurden gebaut und vormontiert in Aarau. Der Transport nach Giessbach erfolgte mit Bahn und Schiff. Die Seilbahn wurde am 21 Juli 1879 eröffnet.

 

Die Bauzeit von weniger als einem Jahr war ein eindrücklicher Erfolg, wenn man die damals bescheidenen mechanischen Hilfsmittel berücksichtigt. Abt überwachte anschließend den Unterhalt der Bahn und die Einführung einer verbesserten Version der Abt‘schen Weiche in anderen Projekten.

Die Fahrt vom Ufer des Brienzer Sees zum Grandhotel ist sehr beliebt.

Technische Beschreibung

Carl Roman Abt publizierte die Lösung von Giessbach für die automatische Weiche in einer Folge von sechs Artikeln in 1879.

 

Seine Konstruktion war gekennzeichnet durch die Aufgabe des alten Paradigmas, dass Eisenbahnwagen die Spurkränze auf der Innenseite der Schienen haben müssen.

 

In Giessbach wurde ein Wagen durch äußere Spurkränze geführt und der andere innen, wie ein normaler Eisenbahnwagen. Diese Anordnung machte die Passage der Ausweiche automatisch. Abts Konstruktion erforderte aber zusätzliche Führungsbleche und die obere und die untere Weiche waren verschieden.

Roland Casagrande wacht als Teamleiter über die Standseilbahn, die täglich im Betrieb ist.

Abt‘s Giessbachkonstruktion von 1879 hatte jedoch Probleme. Die Passage der Wagen über die Weichen war holperig und das verursachte häufig lose Schrauben an den Schienenbefestigungen.

 

Wahrscheinlich musste auch das Seil häufig ausgewechselt werden. Zeitgenössische Berichte erwähnten einfach „teuren und häufigen Unterhalt“.

 

Trotzdem war die Bahn profitabel. Wegen der vielen Fahrgäste wurde ein jährlicher Profit von zehn Prozent gemeldet.

 

Abt‘s verbesserte Lösung hatte zwei Spurkränze an den äußeren Rädern bezüglich der beabsichtigten Ausweichfahrt.

 

Damit konnte die äußere Führungsschiene ununterbrochen ausgeführt werden und es war mehr Platz für die Durchführungen von Seil und Zahnstange in der inneren Schiene.

Die inneren Räder waren nun rein zylindrisch, ohne Spurkränze und erlaubten daher ein sanftes Überrollen der Weichen.

 

Diese Lösung ist, was wir heute als Abt‘sche Weiche bezeichnen, eine kurze Ausweichstelle ohne bewegliche Teile. Sie wurde zuerst in der Standseilbahn Citta- Stazione (Lugano Switzerland) in 1886 eingebaut.

 

Die Giessbachbahn wurde zu dieser Lösung ummodifiziert – und sie funktioniert heute noch damit.

Das System der Abt‘schen Weiche in Giessbach wird noch heutzutage eins zu eins umgesetzt.

Die Bedeutung der Abt‘schen Weiche

Die Ausweichlösung mit der Abt‘schen Weiche ist eine der wenigen Erfindungen, welche mehr als ein Jahrhundert ohne Änderung gebraucht wurden und immer noch werden.

 

Seit 1879 sind gemäß einem Buch von 1975 mehr als tausend Installationen gebaut worden, einzelne mehrere Kilometer lang. Die meisten mit einer Abt‘schen Weiche.

 

Heute machen Luftseilbahnen den Standseilbahnen Konkurrenz, vor allem wegen der billigeren Fahrbahn. Aber in einigen Fällen, besonders für schwere bewegte Lasten und in Stollen, bleibt die Standseilbahntechnologie wettbewerbsfähig.

 

Eine große Zahl Standseilbahnen bleibt in Betrieb und wird mit den neuesten Antriebs und Steuerungstechnologien regelmäßig wieder modernisiert.

 

Unfälle hat es – wenn auch selten – schon gegeben, aber ein Versagen der Abt‘schen Weiche war bisher nie die Ursache. ts